Kann es eine mißbräuchliche Berufung auf die Würde des Einzelnen geben, wenn diese doch unantastbar ist?
Im Tagesspiegel/Potsdamer Neueste Nachrichten war am 01.03.04 über ein medienpolitisches Thema folgendes zu lesen:
KURT SCHEEL ärgert sich, wenn die Medienkritik den Zuschauer beschützt.
Erinnert sich noch jemand an das Dschungelcamp? Da hatten sie wieder ihre große Stunde, die Mahner und Warner, und fast alle salbaderten auch fröhlich drauflos. Von Verbieten war naturgemäß die Rede, von Sinken der Schamschwellen und, Tusch! Verletzung der Menschenwürde. Wenn ich das Wort Menschenwürde höre, greife ich zu meinem Bleistift. Denn wer Menschenwürde sagt, will betrügen.
....
Ende des Zitats.
Wir können zwar nicht uneingeschränkt zustimmen, denn unser hiesiges Nachdenken über Menschenwürde erfolgt jedenfalls ohne Betrugsabsicht. Die Berufung auf Menschenwürde als Totschlag-Argument FÜR oder GEGEN irgendwas ist allerdings sehr beliebt. Es ist sicher nützlich, über einige Fälle dieser Art nachzudenken. Wir versuchen deshalb eine Sammlung von Problemen (nicht von Lösungen!), die unserer Meinung nach mit mißbräuchlicher Berufung auf Würde oder falsche Interpretation von Würde zu tun haben.
Die Formulierungen sind evtl. lückenhaft oder etwas spitz. Das hat nichts zu tun mit Mißachtung der angesprochenen Probleme. Vielmehr tun wir erste Schritte differenzierenden Nachdenkens. Wer anderer Meinung ist, hat das erwünschte Nachdenken schon begonnen. Denkergebnisse dürfen gerne mitgeteilt werden. Am Ende besteht die Möglichkeit der Ergänzung oder des Widerspruchs ohne E-Mail-Client, den erkennt man meistens an dem doofen Fenster mit der Mitteilung, man habe ihn zuerst einzurichten.
Ihre Mitteilungen werden, wenn von Ihnen gewünscht und von der Redaktionskonferenz als geeignet empfunden, in die Seite eingebaut.
.. so behauptet jedenfalls der Volksmund und verweist damit auf ein Problem.
Straftäter können sich auf "würdevolle" Behandlung durch die Verfolgungsorgane verlassen; völlig unabhängig davon, wie sie selber mit den Opfern umspringen. Dem polizeilichen Handeln sind enge Grenzen gezogen.
Das Strafrecht befriedigt ein gewisses "Rachebedürfnis" der Gesellschaft nur unzureichend. Resozialisierung der Täter besitzt offenbar höhere Priorität, als Wiedergutmachung und Prävention, also der Schutz der Würde der Geschädigten.
Was ist zu tun? Es ist sicher nicht richtig, einfach "Hau drauf" zu rufen. Der Spruch des Verfassungsgerichts von 2004 zum "Großen Lauschangriff" hat dies unterstrichen. Worüber wäre zu reden?
(1) Erweiterte polizeiliche Mittel zum Schutz der Opfer (Beispiel der Metzeler-Entführung!) ohne Willkür zu ermöglichen.
(2) Haftbedingungen: So erstrebenswert die Resozialisierung des Täters auch sein mag, jegliche Erleichterung muß gemessen werden nicht an der Rachsucht, wohl aber an der Würde des Opfers
(3) Wer sich dauerhaft den gesellschaftlichen Regeln verweigert, die Würde seiner Mitmenschen mißachtet, muß es ertragen, daß er dauerhaft und effektiv daran gehindert wird. Die Würde des Straftäters wird nicht verletzt, wenn der Aufwand für ihn denjenigen nicht übersteigt, der für unbescholtene Bürger im Falle ihrer Bedürftigkeit getrieben wird.
...oder etwa nicht?
Es ist einer der "gründlichsten" Erfolge der sog. "68iger", daß die Autorität von Lehrenden abgebaut wurde. Mit "dem Muff von tausend Jahren" wurde auch die Achtung vor dem Lehrer, auch dem Professor, dem Arzt, dem Pastor abgeschafft. Dahinter stand die Idee, "meine" Würde bedeute: "Die einzige Autorität bin ich."
Heute wirkt sich diese Entwicklung aus. Lehrer genießen kein gesellschaftliches Ansehen mehr; faul sind sie sowieso -die Lehrer, nicht etwa die Schüler- wie ihnen selbst von "höchster" Stelle bescheinigt wird. Lehrer sind daran schuld, wenn die Schüler keine Lust haben und Lust müssen Schüler beim Lernen empfinden, alles andere wäre gegen ihre Würde. Lehrer haben kaum noch Möglichkeiten, Leistungsdruck aufzubauen; viele haben, auch unter dem Eindruck der erwähnten "Revolution" resigniert. So, wie heute nach drei schlechten Fußballspielen die Trainer "fliegen", sollten nach den PISA-Ergebnissen die Lehrer ausgewechselt werden. Da das leider nicht so gut geht, muß man sie wenigstens quälen. Gesellschaftliche Buh-Rufe, Erhöhung der Lehrverpflichtungen, anonyme Bewertung durch die Schüler und, als ultima ratio, "Bezahlung nach Leistung", bieten sich an. Schülerparlamenten fallen evtl. noch bessere Sachen ein: Abschaffung der Schulpflicht und der Benotung, freie Lehrerwahl, stressfreie Prüfungen -wenn überhaupt-, mehr fun. Schule als Show-Ereignis.
So weit, so schlecht. Was ist zu bedenken?
(1) Kann das Verhältnis von Wissensgeber und Wissensnehmer, um es etwas verfremdend auszudrücken, beliebig weit "demokratisiert" werden? Worunter man versteht, daß die Lehre im Idealfall keine Rechte, die Schüler keine Pflichten mehr haben. Wie soll der Schüler seinem Lehrer etwas abnehmen, wenn er keine Achtung vor ihm hat?
(2) Zerstörung des gesellschaftlichen Ansehens des Lehrers, Arztes, Pastors, Beamten bleibt nicht ohne Auswirkung auf das Berufsethos, das man bei diesen Menschen erwartet.
(3) Ist es wahr, daß die Beseitigung der 'alten' Autoritäten, der 'Talarträger', der 'Studierten', der Fachleute und Sachkundigen Befreiung bedeutete? Offenbar geht es ja nicht ohne Autoritäten. Da die 'alten' verbraucht sind, braucht man neue: Schauspieler, Sportstars, 'Superstars' setzen Maßstäbe in ethischen Fragen, werden zu Vorbildern. Ist das die bessere Lösung?
(4) Der modische Ruf nach Leistungsbewertung von Lehrern, Professoren, Beamten blendet ein klitzkleines Problem aus: Wie soll die Leistung gemessen werden? Und ist es meßbare "Leistung", die man diesen Berufsgruppen abverlangt? Man teste es: Welche Lehrer sind einem aus der Rückschau die wichtigsten und weshalb erinnert man sich ihrer? Sind nicht Eigenheiten wie Haltung, Vorbild, Einfühlsamkeit in der Rückschau wichtiger als Beliebtheit, Unterhaltsamkeit oder Fleiß des Lehrers? Hat nicht jeder bei irgendeinem 'faulen' Lehrer mehr gelernt, als bei drei 'fleißigen'?
.. diesen Eindruck machen die Diskussionen zu Fragen der Sozialpolitik der letzten Zeit. Was heißt Diskussionen? Hört es sich nicht eher nach angeheizter (aus politischem Interesse) oder echter (aus Unkenntnis) Panik an? Ein immer wieder zu hörendes Wort ist "menschenwürdig" bzw. "menschenunwürdig". Als sei völlig klar, was das konkret heißt. Beispiel? Bitte:
Leserbrief im Spiegel 32/2004: "Wir werden die größte soziale Katastrophe erleben, wenn Hartz IV den Schwächsten im Land auch noch den letzten kläglichen Rest menschenwürdigen Daseins streicht.", meint Andreas Weidemann aus Bienenbüttel.
Es gibt Analysen, Überlegungen, Entwürfe, Gesetze, Verordnungen einerseits und die dadurch ausgelösten Bedenken, Einwände, Verdächtigungen, Anwürfe, hysterische und Propagandareden etc. pp. andrerseits. Die Diskussion ist ja eher selten anzutreffen. Sie ist nicht nur deshalb so schwierig, weil die Probleme so groß sind. Sie muß sich auch immer wieder mit gefühlsbesetzten Begriffen wie Würde, Gerechtigkeit, Armut und Reichtum, Almosen und Anspruch, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit etc. auseinandersetzen. Sobald solche Worte unkonkret, als Kampfbegriffe auftauchen, geht die Sachlichkeit der Auseinandersetzung verloren. Vermintes Gelände!
Ein Kalauer?
Der Gleichklang von von "Würde", der unantastbaren Eigenschaft und "würde", dem Konjunktiv zu "werden", kann nützliche Überlegungen in Gang setzen.
Die Würde des Menschen im Grundgesetz erscheint statisch, immer schon vorhanden; daneben gibt es die Würde (z. B. "Würde des Alters"), die erarbeitet, erkämpft, erlitten werden muß.
"Wenn ich Kaiser wäre, würde ich unwürdiges Verhalten unter Strafe stellen und jeden Bürger verpflichten, seine Würde wie ein Kind sorgsam aufzuziehen.
Das Nähere würde kein Gesetz regeln, ich würde es den Bürgern anheim stellen."
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