von Johann Gottfried Herder, 1785
in der von Eugen Kühnemann gekürzten Fassung der "Deutschen Bibliothek Berlin", 1914
Hören wir auf Herder: Auch wer es nicht hören mag, muß damit leben, daß unsere Kultur, unsere Vorstellungswelt im Religiösen wurzeln. Das gilt insbesondere auch für die Idee der Würde des Menschen.
V. Religion ist die älteste und heiligste Tradition der Erde
Müde und matt von allen Veränderungen des Erdenrundes nach Gegenden, Zeiten und Völkern, finden wir denn nichts auf demselben, das der gemeinschaftliche Besitz und Vorzug unsrers Brudergeschlechts sei? Nichts als die Anlage zur Vernunft, Humanität und Religion, der drei Grazien des menschlichen Lebens. Sprachen wechseln mit jedem Volk in jedem Klima; in allen Sprachen aber ist ein und dieselbe merkmalsuchende Menschenvernunft kennbar. Religion endlich, so verschieden ihre Hülle sei; auch unter dem ärmsten, rohesten Volk am Rande der Erde finden sich ihre Spuren.
Woher kam nun Religion diesen Völkern? Diese Mühseligen erfinden nichts; sie folgen in allem der Tradition ihrer Väter. Tradition ist also auch hier die fortpflanzende Mutter, wie ihrer Sprache und wenigen Kultur, so auch ihrer Religion und heiligen Gebräuche.
Sogleich folget hieraus, daß sich die religiöse Tradition keines anderen Mittels bedienen konnte, als dessen sich die Vernunft und Sprache selbst bediente, der Symbole. Daher ist auch bei den großen Völkern die Sprache der Religion immer die älteste, dunkelste Sprache, oft ihren Geweiheten selbst, vielmehr den Femdlingen unverständlich.
Es konnte also auch nicht fehlen, daß die Priester, die ursprünglich Weise der Nation waren, nicht immer ihre Weisen blieben. Sobald sie nämlich den Sinn des Symbols verloren, waren sie stumme Diener der Abgötterei oder mußten redende Lügner des Aberglaubens werden. Der Unwissende, der reden oder die Kunst fortsetzen soll, muß verbergen, muß erdichten, muß heucheln; ein falscher Schein tritt an die Stelle der verlornen Wahrheit. Dies ist die Geschichte aller Geheimnisse auf der Erde, die anfangs allerdings viel ihnen getrennt hatte, in elenden Tand ausarteten; und so wurden die Priester derselben, bei ihrem leer gewordenen Heiligtum zuletzt arme Betrüger.
Wer sie am meisten als solche darstellete, waren die Regenten und Weisen. Daher der unglückliche Streit zwischen dem Thron und Altar bei allen halbkultivierten Nationen; bis man endlich beide gar zu verbinden suchte und damit das unförmliche Ding eines Altars auf dem Thron oder eines Throns auf dem Altar zur Welt brachte.
Notwendig mußten die entarteten Priester bei diesem ungleichen Streit allemal verlieren: denn sichtbare Macht stritt mit dem unsichtbaren Glauben, der Schatten einer alten Tradition sollte mit dem Glanz des goldenen Zepters kämpfen, den ehedem der Priester selbst geheiltligt und dem Monarchen in die Hand gegeben hatte. Die Zeiten der Priesterherrschaft gingen also mit der wachsenden Kultur vorüber: der Despot, der ursprünglich seine Krone im Namen Gottes geführt hatte, fand es leichter, sie in seinem eigenen Namen zu tragen und das Volk war jetzt durch Regenten und Weise zu diesem andern Zepter gewöhnet.
Nun ist es erstens unleugbar, daß nur Religion es gewesen sei, die den Völkern allenthalben die erste Kultur und Wissenschaft brachte, ja daß diese ursprünglich nichts als eine Art religiöser Tradition waren. Auch wir Nordländer haben unsre Wissenschaften in keinem, als dem Gewande der Religion halten und so kann man kühn mit der Geschichte aller Völker sagen: "Der religiösen Tradition in Schrift und Sprache ist die Erde ihre Samenkörner aller höhern Kultur schuldig."
Die Natur der Sache selbst bestätigt diese historische Behauptung: denn was war's, das den Menschen über die Tiere erhob und auch in der rohesten Ausartung ihn verhinderte, nicht ganz zu ihnen herabzusinken? Man sagt: Vernunft und Sprachen. So wie er aber zur Vernunft nicht ohne Sprache kommen konnte, so konnte er zu beiden nicht anders als durch die Bemerkung des einen im vielen, mithin durch die Vorstellung des Unsichtbaren im Sichtbaren, durch die Verknüpfung der Ursachen mit der Wirkung gelangen. Eine Art religiösen Gefühls unsichtbar wirkender Kräfte im ganzen Chaos der Wesen, das ihn umgab, mußte also jeder ersten Bildung und Verknüpfung abgezogner Vernunftideen voraus gehen und zugrunde liegen. Dies ist das Gefühl der Wilden von den Kräften der Natur, auch wenn sie keinen ausgedrückten Begriff von Gott haben; ein lebhaftes und wirksames Gefühl, die selbst ihre Abgöttereien und Aberglaube zeiget. Mit der Fortdauer der Seele nach dem Tode war's ein Gleiches. Wie der Mensch auch zu ihrem Begriff gekommen sein möge, so ist dieser Begriff, als allgemeiner Volksglaube auf der Erde, das einzige, das den Menschen in Tode vom Tier unterscheidet. Religiöse Tradition hierüber und das innige Gefühle eines Daseins, das eigentlich von keiner Vernichtung weiß, geht also vor der entwickelnden Vernunft voraus. So ist der allgemeine Menschenglaube an die Fortdauer unseres Daseins die Pyramide der Religion auf allen Gräbern der Völker.
Endlich die göttlichen Gesetze und Regeln der Humanität, die sich, wenn auch nur im Westen, bei dem wildesten Volk äußern, sollten sie, nach Jahrtausenden etwa von der Vernunft ersonnen sein und diesem wandelbaren Gebilde der menschlichen Abstraktion ihre Grundfesten zu danken haben? Ich kann's, selbst der Geschichte nach, nicht glauben. Man vergönne mir, nach allem was ich über die Nationen der Erde gelesen und geprüft habe, diese innere Anlage zur Humanität so allgemein als die menschliche Natur, ja eigentlich für diese Natur selbst anzunehmen. Sie ist älter als die spekulative Vernunft, die durch Bemerkung und Sprache sich erst dem Menschen angebildet hat, ja die im praktischen Fällen kein Richtmaß in sich hätte, wenn sie es nicht von jenen dunklen Gebilde in uns borgte. Nein, gütige Gottheit, dem mörderischen Ungefähr überließest du dein Geschöpf nicht. Den Tieren gabst du Instinkt, den Menschen grubest du dein Bild, wie Religion und Humanität in die Seele: der Umriß der Bildsäule liegt im dunkeln tiefen Marmor da; nur er kann sich nicht selbst aushauen, ausbilden. Tradition und Lehre, Vernunft und Erfahrung sollten dieses tun und du ließest es ihm an Mitteln dazu nicht fehlen. Das Reich dieser Anlagen und ihrer Ausbildung ist die eigentliche Stadt Gottes auf der Erde, in welcher allen Menschen Bürger sind, nur nach sehr verschiedenen Klassen und Stufen. Glücklich ist, wer zur Ausbreitung dieses Reichs der wahren innern Menschenschöpfung beitragen kann; er beneidet keinem Erfinder seine Wissenschaft und keinem Könige seine Krone.