von Johann Gottfried Herder, 1785
in der von Eugen Kühnemann gekürzten Fassung der "Deutschen Bibliothek Berlin", 1914
Herder schildert eindrucksvoll, dass und in welchem Maße der Mensch mit seinem - neudeutsch gesagt: Umfeld -, also seiner Tradition, Erziehung, Kultur verknüpft ist. Würde des Menschen verwirklicht sich als Produkt aller dieser Faktoren, 'Selbstverwirklichung' ist höchstens Zutat.
I. So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnet, so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab.
So wenig ein Mensch seiner natürlichen Geburt nach aus sich entspringt, so wenig ist der Gebrauch seiner geistigen Kräfte ein Selbstgeborner. Nicht nur der Keim unsrer innern Anlagen ist genetisch wie unser körperliches Gebilde, sondern auch jede Entwicklung dieses Keims hängt vom Schicksal ab, was uns hier oder dorthin pflanzte und nach Zeit und Jahren die Hilfsmittel der Bildung um uns legte. Die Vernunft ist ein Aggregat von Bemerkungen und Übungen unsrer Seele; eine Summe der Erziehung unsres Geschlechts, die, nach gegebnen fremden Vorbildern, der Erzogne zuletzt als ein fremder Künstler an sich vollendet.
Hier also liegt das Prinzipium zur Geschichte der Menschheit, ohne welches es keine solche Geschichte gäbe. Empfinge der Mensch alles aus sich und entwickelte es abgetrennt von äußern Gegenständen, so wäre zwar eine Geschichte d e s Menschen, aber nicht der Menschen, nicht ihres ganzen Geschlechts möglich. Da nun aber unser spezifische Charakter eben darin liegt, daß wir, beinahe ohne Instinkt geboren, nur durch eine lebenslange Übung zur Menschheit gebildet werden, und sowohl die Perfektibilität als die Korruptibilität unsers Geschlechts hierauf beruhet, so wird eben damit auch die Geschichte der Menschheit notwendig ein Ganzes, d. i. eine Kette der Geselligkeit und bildenden Tradition vom ersten bis zum letzten Gliede.
Es gibt also eine Erziehung des Menschengeschlechts; eben weil jeder Mensch nur durch Erziehung ein Mensch wird und das ganze Geschlecht nicht anders als in dieser Kette von Individuen lebet. Freilich wenn jemand sagte, daß nicht der einzelne Mensch, sondern das Geschlecht erzogen werde, so spräche er für mich unverständlich, da Geschlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe sind, außer sofern sie in einzelnen Wesen existieren. Gäbe ich diesem allgemeinen Begriff nun auch alle Vollkommenheiten der Humanität, Kultur und höchsten Aufklärung, die ein idealischer Begriff gestattet, so hätte ich zur wahren Geschichte unseres Geschlechts ebenso viel gesagt, als wenn ich von der Tierheit, der Steinheit, der Metallheit im allgemeinen spräche und sie mit den heiligsten, aber in einzelnen Individuen einander widersprechen Attributen auszierte. Auf diesem Wege der Averrhoischen Philosophie(1126-1198, islamischer Philosoph, wichtigster Kommentator des Aristoteles und einer der Väter der abendländischen Philosophie), nach der das ganze Menschengeschlecht nur eine, und zwar eine sehr niedrige Seele besitzet, die sich dem einzelnen Menschen nur teilweise mitteilt, auf ihm soll unsere Philosophie der Geschichte nicht wandern. Das ganze Gebilde der Humanität in ihm hängt durch eine geistige Genesis, die Erziehung, mit seinen älteren Lehrern, Freunden, mit allen Umständen im Lauf seines Lebens, also mit seinem Volk und den Vätern des selben, die ja endlich mit der ganzen Kette des Geschlechts zusammen, das irgend in einem Gliede eine seiner Seelenkräfte berührte. So werden Völker zuletzt Familien, Familien gehen zu Stammvätern hinauf, der Strom der Geschichte enget sich bis zu seinem Quell und der ganze Wohnplatz unserer Erde verwandelt sich endlich in ein Erziehungshaus unserer Familie. Da aber der Wohnplatz allein noch nicht alles ausmacht, indem lebendige, uns ähnliche Wesen dazugehören, uns zu unterrichten, zu gewöhnen, zu bilden; mich dünkt, so gibt es eine Erziehung des Menschengeschlechts und eine Philosophie seiner Geschichte so gewiß, so wahr es eine Menschheit, d. i. eine Zusammenwirkung der Individuen gibt, die uns allein zu Menschen machte.
Sofort werden uns auch die Prinzipien dieser Philosophie offenbar, einfach und unverkennbar, wie es die Naturgeschichte des Menschen selbst ist: Sie heißen Tradition und organische Kräfte. Alle Erziehung kann nur durch Nachahmung und Übung, also durch Übergang des Vorbildes ins Nachbild werden; und wie könnten wir dies besser als Überlieferung nennen? Mithin wird die Erziehung unseres Geschlechts im zweifachen Sinn genetisch und organisch: genetisch durch die Mitteilung, organisch durch die Aufnahme und Anwendung des Mitgeteilten. Wollen wir diese zweite Genesis des Menschen, die sein ganzes Leben durchgeht, von der Bearbeitung des Ackers Kultur oder vom Bilde des Lichts Aufklärung nennen, so steht uns der Name frei; die Kette der Kultur und Aufklärung reicht aber sodann bis ans Ende der Erde. Der Unterschied zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten, zwischen kultivierten und unkultivierten Völkern ist also nicht spezifisch, sondern nur gradweise. Legen wir den Begriff der europäischen Kultur zu Grunde, so findet sich diese allerdings nur in Europa; und setzen wir dann noch willkürliche Unterschiede zwischen Kultur und Aufklärung fest, deren keine doch, wenn sie rechter Art ist, ohne die andere sein kann, so entfernen wir uns noch weiter ins Land der Wolken. Bleiben wir aber auf der Erde und sehen im allgemeinsten Umfange das an, was uns die Natur, die den Zweck und Charakter ihres Bescheides am besten kennen mußte, als menschliche Bildung selbst vor Augen liegt, so ist dies keine andere als die Tradition einer Erziehung zu irgendeiner Form menschlicher Glückseligkeit und Lebensweise.
Was also jeder Mensch ist und sein kann, das muß Zweck des Menschengeschlechts sein; und was ist dies? Humanität und Glückseligkeit auf diese Stelle, in diesem Grad, als dies und kein andres Glied der Kette von Bildung, die durchs ganze Geschlecht reichet. Wo und wer du geboren bist, o Mensch, da bist du, der du sein solltest: und verlaß die Kette nicht, noch setze dich über sie hinaus; sondern schlinge dich an sie. Nur in ihrem Zusammenhange, in dem, was du empfängest und gibst und also in beidem Fall tätig wirst, nur da wohnt für dich Leben und Friede.
So sehr es dem Menschen schmeichelt, daß ihn die Gottheit zu ihrem Gehilfen angenommen und seine Bildung hienieden ihm selbst und seinesgleichen überlassen habe, so zeigt doch eben dies von der Gottheit erwählte Mittel die Unvollkommenheight unseres irdischen Daseins, in dem wir eigentlich Menschen noch nicht sind, sondern täglich werden. Der Weg der Menschen wahrd einem Labyrinth gleich, mit Abwegen auf allen Seiten, wo nur wenige Fußstapfen zum innersten Ziel führen. Glücklich ist der Sterbliche, der dahin ging oder führte, dessen Gedanken, Neigungen und Wünsche, oder auch nur die Strahlen seines stillen Beispiels auf die schönere Humanität seiner Mitbrüder fortgewirkt haben. Nicht anders wirkt Gott auf der Erde, als durch erwählte, größere Menschen. Unser Leib vermodert im Grab und unseres Namens Bild ist bald ein Schatten auf Erden; nur in der Stimme Gottes, d.i. der bildenden Tradition einverleibt, können wir auch mit nahmenloser Wirkung in den Seelen der unsern tätig fortleben.
Die Philosophie der Geschichte also, die die Kette der Tradition verfolgt, ist eigentlich die wahre Menschengeschichte, ohne welche alle äußeren Weltbegebenheiten nur Wolken sind oder erschreckende Mißgestalten werden. Glorreiche Namen, die in der Geschichte der Kultur als Genien des Menschengeschlechts, als glänzende Sterne in der Nacht der Zeiten schimmern! Auch die wandelbare Gestalt und die Unvollkommenheigt aller menschlichen Wirkung lag also im Plan des Schöpfers. Torheit mußte erscheinen, damit die Weisheit sie überwinde, zerfallende Brechligkeit auch der schönsten Werke war von ihrer Materie unzertrennlich, damit auf den Trümmern derselben eine neue bessernde oder bauende Mühe der Menschen stattfände: denn alle sind wir hier nur in einer Werkstätte der Übung.
Goldene Kette der Bildung also, du die die Erde umschlingt und durch alle Individuen bis zum Thron der Vorsehung reichet, seitdem ich dich ersah und in deinen schönsten Gliedern, den Vater, und Mutter-, den Freundes- und Lehrerempfindungen verfolgte, ist mir die Geschichte nicht mehr, was sie mir sonst schien, ein Greuel der Verwüstung auf einer heiligen Erde. Nur unter Stürmen konnte die edle Pflanze erwachsen; nur durch Entgegenstreben gegen falsche Anmaßungen mußte die süße Mühe der Menschen Siegerin werden. Das Maschinenwerk der Revolutionen irret mich also nicht mehr, es ist unserem Geschlecht so nötig, wie dem Strom seine Wogen, damit er nicht ein stehender Sumpf werde. Immer verjüngt in seinen Gestalten, blüht der Genius der Humanität auf und ziehet palingenetisch ( = Entwicklungsstufen der Vorfahren zeigend) in Völkern, Generationen und Geschlechtern weiter.