aus "Wie Menschen als Person leben", ISBN 3-8258-7400-1
von Dr. Reinhard Glöckner, Greifswald
'Die Würde des Menschen ist unantastbar', so lautet die erste Bestimmung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Das bedeutet, die Würde des Menschen ist tabu, steht für nichts zur Verfügung, hat absoluten Rang, sie hat eine eigene Qualität.
Diese eigene Qualität hat ihre schriftliche Festlegung vor etwa 2500 Jahren durch die Priesterschaft im Volk Israel dadurch erhalten, daß im biblischen Schöpfungsbericht steht: "Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und als Weib" (I.Mose 1,27). Im direkten Textzusammenhang erhält der Mensch Verfügungsgewalt über alles Leben auf der Erde. Sein eigenes Leben jedoch steht als Bild Gottes nicht zur Verfügung außer für Gott selbst. Dabei ist der Mensch als Individuum mit Namen angesprochen: Adam und Eva. Beide gelten der Bibel als Menschheitseltern. Ihre Würde im Bild Gottes wird weitergereicht an alle ihre Menschenkinder. Jeder einzelne Mensch ist darin ausgezeichnet gegenüber allem sonstigen Leben, es ist eine vom Schöpfer nur für den Menschen ausgesagte genetische Qualität.
Mag man nun diese Schöpfungsgeschichte wörtlich annehmen, mag man sie als Mythos betrachten, mag man sich dem religiösen Anspruch nicht stellen, das ändert nichts daran, daß die Auswirkung dieser Geschichte nicht nur im Judentum, Christentum und Islam die dominierende Wurzel geworden ist für die heutige juristische Festlegung auf Würde als Menschenrecht. Darum ist Würde selbstverständlich nur individuell zu verstehen. Sie gehört zurn Wesen eines jeden Menschen.
Das gilt für die Gläubigen so wie für das Grundgesetz selbst dann, wenn das Bild, die Persönlichkeit eines Menschen sich nicht etwa einleuchtend als heilig darstellt, sondern verzerrt sein kann bis zu einer teuflischen Fratze, wenn ein Mensch entfremdet ist seinem Wesen als Ebenbild Gottes. Doch ist das überzeugendste Bild Gottes in Menschengestalt für die christliche und abendländisch europäische Kultur zu finden in dem Juden Jesus von Nazareth, dem Christus. Das Bild seines Lebens, das Echo seiner Reden und Taten, die Art seines Todes und die Botschaft von der Auferstehung haben der Würde des Menschen ethische Kraft und zuversichtliche Hoffnung vermittelt und darin die Qualität menschlicher Würde mit inhaltlicher Orientierung gefüllt. Dies ist eine Stammwurzel für den Begriff der Menschenwürde und ist Richtmaß für die Deutung der Geschichte Europas, ist Sinnbild der Menschlichkeit.
Doch gibt es auch andere Vorstellungen von Würde, die sich abseits dieser Stammwurzel und sozusagen neben ihr entwickelt haben. Ähnlich wie schon im altgriechischen Bereich die 'Timé' spielt in der Gesellschaft und Politik des alten Rom die 'dignitas' eine wesentliche Rolle für die herausragenden Leitfiguren etwa der Senatoren. Ihre Würde hob sie heraus aus der übrigen Menschenmenge, sie stand für Privilegien aber erst recht für gesellschaftliche Verpflichtungen und für eine würdevolle Lebenshaltung. Hier stand Würde beileibe nicht jedem Menschen zu, wenn auch gering geachtete Menschen zu Würde gelangen konnten. Hierbei zielte die inhaltliche Orientierung ab auf das Wohlergehen des römischen Staates und war normalerweise ablesbar an äußeren Zeichen. Diese keineswegs absolute, sondern eindeutig relative Sicht von Würde hat sich im Sprachgebrauch wie im Leben gleichfalls bis heute erhalten. Doch ist diese Art der Sicht nur bedingt geeignet, der Würde des Menschen einen unantastbaren Charakter zu geben1. Dann nämlich müßte Würde auch je nach Ansehen von Person gestaffelt sein. Denn Würde ist nicht gleichzusetzen weder mit Ehre noch mit Ruhm. Auch haben Werte einen anderen Sinn als Würde2.
Anmerkungen:
1 'Würde' stand gegen Würde, als der Vorsitzende des NS-Volksgerichtshofes Roland Freisler vor voller Kulisse und in Robe und Barrett angeklagte hohe Militärs vom Attentat gegen Hitler ohne Gürtel vorführen ließ, so daß sie ihre Hose festhalten mußten, und dennoch die Würde ihnen zustand.
2 "Der Sozialwissenschaftler Lepenies hat ... unter der ... Überschrift Benimm und Erkenntnis konstatiert, daß die Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit ... eine Geschichte der Entmoralisierung" ist: "aus den spezialisierenden ... Disziplinen verschwindet die Werthaltung...Nun haben wir eine Wissenschaft ohne Moral und stehen in der technischwissenschaftlichen Zivilisation, die sich ihrer Gottferne rühmt, ohne ein Wertesystem da.'...Nun ist zwar 'Wert' ein überaus problematischer Begriff. Verleitet er doch dazu, auf-, ab- und umzuwerten. Und auf die 'Tyrannei der Werte' hat schon Nicolai Hartmann aufmerksam gemacht. Der Begriff des Wertes gehört doch wohl eher in die Ökonomie als in die Anthropologie. Denn der Mensch hat keinen Wert. Der Mensch hat Würde. Die Würde des Menschen zu respektieren - das muß das unter keinen Umständen relativierbare Ziel ... sein oder doch wieder werden." E.Jüngel in Greifswalder Universitätsreden, (2001), Nr.98, S.29.
Wenn das Ebenbild Gottes, wenn die Würde den Menschen von den übrigen Lebewesen unterscheiden soll, so ist nicht erst das Denken moderner Menschen geneigt, die Wurzel eines solchen Unterschiedes zu Tieren dort zu suchen, wo die menschliche Vorherrschaft im Leben auf der Erde in dem relativ größeren Gehirn, in der Intelligenz und in dem Sprachvermögen der Menschen begründet ist. Diese Grundvoraussetzungen für ein Leben im Bewußtsein von Wahl, Entscheidung und Verantwortung, diese Grundvoraussetzungen für ein Fungieren des Menschen als Person gelten dann als Wurzel für Menschenwürde im modernen Sinn. Wenn daraus der Schluß gezogen wird, daß Würde einem Menschen erst dann zusteht, wenn er deutlich als Person agiert, dann hieße es, all denen Menschenrecht und Menschenwürde abzusprechen, für die die Grundvoraussetzung für menschliches Personsein sich nicht hinreichend aktualisiert haben. Dann wären Ungeborene, Debile, Menschen in Altersdemenz z. B. vom Schutz der Menschenwürde ausgenommen. Läßt man jedoch die Grundvoraussetzungen für Personsein schon allein als genetische Grundlage aller Menschen für Würde gelten, so ist sie ein unantastbarer Schutz für jedermann.
Es zeigt sich also, daß Würde in der Genetik, im Gencode eines jeden Menschen begründet sein muß, wenn sie unantastbar sein soll. Damit steht Würde jedem Menschen zu, weil er Mensch ist, und nicht deswegen, weil er als Person fungiert.
Es ist gewiß zu vermuten, daß ein Genetiker in keinem Anteil eines menschlichen Gens den Sitz für Würde finden dürfte, ebenso wenig wie ein Chirurg jemals die Seele eines Menschen fand oder ein Sputnik den lieben Gott. Auch ein Ich oder ein Selbst sind gewiß materiell nicht aufzufinden. Denn in all diesen Fällen handelt es sich um Begriffe der Deutung für das Leben, um einen Ausdruck der Ganzheit z.B. eines menschlichen Individuums, einer handelnden Gruppe, eines einheitlichen Weltsinnes. Nach der modernen wissenschaftlichen Methode des Zweifels wird es keinen Beweis dafür je geben.
Dennoch handelt es sich um Grundlagen für den Umgang mit dem Leben. 'Würde' z.B. ist letztlich eine religiöse, metaphysische oder rechtliche Setzung für den Umgang des Menschen mit anderen Menschen oder auch für sein Verhalten gegenüber sich selbst. Sie ist ein Glaubenssatz, eine Art Axiom gegen die bloße Barbarei. Sie hat eine Schutzfunktion zur Eingrenzung jeglicher Diktatur, sei sie gegründet in Auffassungen von Gerechtigkeit oder von Freiheit. Sie stellt das Leben jedes Menschen unter ein Tabu: Menschenleben steht nicht zur Verfügung. Das ist das Wesen von Würde. Unter dem Regime von Würde gilt, Würde gehört zum Wesen des Menschen. Dies ist ein Glaubenssatz menschlicher Kultur.
So gilt einerseits, diesen Glaubenssatz anzuerkennen und als Axiom jeder Art menschlicher Kultur anzunehmen. So gilt andererseits, diesen Glaubenssatz zu verteidigen und umzusetzen gegen jede Mißachtung menschlichen Lebens.
In diesem Sinne muß festgehalten werden: Die Würde ist jedem Menschen wesenseigen, sie ist unantastbar. Sie ist zu achten als Resultante jedes menschlichen Genoms. Sie gehört auf die Seite von 'Mensch'. Das aber heißt: Würde gibt es überall dort und dann, wo ein menschliches Genom Lebensfähigkeit erlangt und behält, sei es als Keimzelle, als Embryo, als geborener Mensch, als Behinderter3 oder gar Debiler, auch als Absterbender. Auch dann ist Würde zu achten, wenn sich Menschen an der Würde anderer vergehen. Würde gilt vor Gericht, im Gefängnis, immer und überall. Denn wenn jemand die Würde z.B. eines Kriminellen negiert, negiert er die Achtung, die ihm selbst zukommen sollte. Insofern ist der Grundsatz vollkommen stimmig, daß Würde beachtet werden soll ohne Ansehen von Person.
Ebenso richtig ist, daß Würde sich bewährt im Umgang von Mensch zu Mensch, in Rede und Antwort, in der Begegnung von Du zu Du. An dieser Praxis muß sich zeigen, ob die Daseinsweise als Person in individueller oder kollektiver Gestalt sich nach Menschenwürde ausrichtet und damit Menschenrecht begründet. Denn Verantwortung ist die Bewährung von Person. Woran aber soll sich gesellschaftliche Verantwortung orientieren, wenn nicht an der Würde des Menschen.
Weil die Würde jedoch im gesellschaftlichen Geschehen immer wieder nicht nur angetastet sondern mit Füßen getreten und völlig mißachtet werden kann, ist es ebenso eine Aufgabe der Gesellschaft, sie zu schützen und zu gestalten. Das heißt: Menschenwürde ist in die Hand von Person gegeben und nicht unabhängig von Wahl, und Entscheidung. Sie ist eine axiomatische Setzung als gesellschaftliche Norm für Verantwortung. Sie ist der Wahl und Entscheidung von Einzelnen und Gruppen, von Eltern, Staats- und Kulturgebilden als Norm für Verantwortung anvertraut. In ihr liegt das Urteil, der Richtspruch für jede Art von Person.
Ihre tiefste Begründung liegt für Gläubige im Willen Gottes. Argumente für sie sind auch bereitgestellt im Bereich der Philosophie und Metaphysik. Es gibt für sie keine Alternative für alle die Kräfte, die sich für menschliches Leben und menschliche Kultur entscheiden. Sie ist geeignet, Widersprüche in den Verantwortungsnormen unterschiedlicher Gruppen zu überwinden. Sie ist der Schlüssel zum Abbau für die Verdrängungen, die sich aus den Widersprüchlichkeiten verschiedener Normen für Verantwortung herleiten. Sie ist angewiesen auf weltweite Geltung in allen Verantwortungsebenen. Sie ist die verheißungsvollste Aufgabe und Hoffnung für unsere Menschenwelt4.
Will man in Wahl, Entscheidung und Verantwortung der Würde des Menschen gerecht werden, so bietet sich in christlicher Sicht die Zuwendung Gottes zum Menschen in Jesus Christus an, nicht nur in der Weise von Nachfolge, denn wer wäre darin perfekt, sondern erst recht in seinem Angebot von Vergebung, denn darin liegt die Kraft der Heilung menschlicher Würde, wenn sie verletzt worden ist.
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, Artikel 3 heißt es: "Everyone has the right to life, liberty and security of person". In offizieller deutscher Übersetzung steht: "Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person". In diesem Satz von zentraler Bedeutung stehen die Begriffe Mensch und Person eng beieinander. Er bringt zum Ausdruck, was Würde jedes Einzelnen in der Gesellschaft bewirken soll. Sein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person soll nicht angetastet werden. Wenn entsprechend der Logik dieser Abhandlung versucht werden soll, diesen Satz im Blick auf Mensch einerseits und auf Person andererseits zu lesen, so wären Leben und Sicherheit notwendige Bedingungen um 'Mensch' gerecht zu werden, Freiheit jedoch wäre die Grundbedingung für 'Person' überhaupt.
Es bleibt eine Gestaltungsaufgabe zu erweisen, daß natürliches und personhaftes Menschsein, daß Mensch wie Person zur Menschlichkeit bestimmt sind. Da jedoch jeder Mensch personhaft veranlagt ist, wird die Frage nach der Basis seiner Würde niemals letztlich entschieden werden5. Vielleicht ist es dennoch gut, sich den Aspekten von Mensch und Person jeweils gesondert zuzuwenden und ihr ineinander verschlungenes Wesen gesondert anzusprechen wie es in dieser Abhandlung versucht wird. Auf jeden Fall hat die Aufgabe, in Gerechtigkeit und Freiheit eine globale Norm von Verantwortung neu zu finden, viel zu tun mit diesen Aspekten des Menschen als Person.
Anmerkung:
5 "Dem neuzeitlichen Naturrecht und Staatsrecht sind Mensch und Person, folglich Menschenwürde und Personenwürde ein und dasselbe." Heinrichs, S.221