Würde

Mag man nun diese Schöpfungsgeschichte wörtlich annehmen, mag man sie als Mythos betrachten, mag man sich dem religiösen Anspruch nicht stellen, das ändert nichts daran, daß die Auswirkung dieser Geschichte nicht nur im Judentum, Christentum und Islam die dominierende Wurzel geworden ist für die heutige juristische Festlegung auf Würde als Menschenrecht. Darum ist Würde selbstverständlich nur individuell zu verstehen. Sie gehört zurn Wesen eines jeden Menschen.

Das gilt für die Gläubigen so wie für das Grundgesetz selbst dann, wenn das Bild, die Persönlichkeit eines Menschen sich nicht etwa einleuchtend als heilig darstellt, sondern verzerrt sein kann bis zu einer teuflischen Fratze, wenn ein Mensch entfremdet ist seinem Wesen als Ebenbild Gottes. Doch ist das überzeugendste Bild Gottes in Menschengestalt für die christliche und abendländisch europäische Kultur zu finden in dem Juden Jesus von Nazareth, dem Christus. Das Bild seines Lebens, das Echo seiner Reden und Taten, die Art seines Todes und die Botschaft von der Auferstehung haben der Würde des Menschen ethische Kraft und zuversichtliche Hoffnung vermittelt und darin die Qualität menschlicher Würde mit inhaltlicher Orientierung gefüllt. Dies ist eine Stammwurzel für den Begriff der Menschenwürde und ist Richtmaß für die Deutung der Geschichte Europas, ist Sinnbild der Menschlichkeit.

 

Anmerkungen:
1 'Würde' stand gegen Würde, als der Vorsitzende des NS-Volksgerichtshofes Roland Freisler vor voller Kulisse und in Robe und Barrett angeklagte hohe Militärs vom Attentat gegen Hitler ohne Gürtel vorführen ließ, so daß sie ihre Hose festhalten mußten, und dennoch die Würde ihnen zustand.
2 "Der Sozialwissenschaftler Lepenies hat ... unter der ... Überschrift Benimm und Erkenntnis konstatiert, daß die Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit ... eine Geschichte der Entmoralisierung" ist: "aus den spezialisierenden ... Disziplinen verschwindet die Werthaltung...Nun haben wir eine Wissenschaft ohne Moral und stehen in der technischwissenschaftlichen Zivilisation, die sich ihrer Gottferne rühmt, ohne ein Wertesystem da.'...Nun ist zwar 'Wert' ein überaus problematischer Begriff. Verleitet er doch dazu, auf-, ab- und umzuwerten. Und auf die 'Tyrannei der Werte' hat schon Nicolai Hartmann aufmerksam gemacht. Der Begriff des Wertes gehört doch wohl eher in die Ökonomie als in die Anthropologie. Denn der Mensch hat keinen Wert. Der Mensch hat Würde. Die Würde des Menschen zu respektieren - das muß das unter keinen Umständen relativierbare Ziel ... sein oder doch wieder werden." E.Jüngel in Greifswalder Universitätsreden, (2001), Nr.98, S.29.

 

Dennoch handelt es sich um Grundlagen für den Umgang mit dem Leben. 'Würde' z.B. ist letztlich eine religiöse, metaphysische oder rechtliche Setzung für den Umgang des Menschen mit anderen Menschen oder auch für sein Verhalten gegenüber sich selbst. Sie ist ein Glaubenssatz, eine Art Axiom gegen die bloße Barbarei. Sie hat eine Schutzfunktion zur Eingrenzung jeglicher Diktatur, sei sie gegründet in Auffassungen von Gerechtigkeit oder von Freiheit. Sie stellt das Leben jedes Menschen unter ein Tabu: Menschenleben steht nicht zur Verfügung. Das ist das Wesen von Würde. Unter dem Regime von Würde gilt, Würde gehört zum Wesen des Menschen. Dies ist ein Glaubenssatz menschlicher Kultur.

So gilt einerseits, diesen Glaubenssatz anzuerkennen und als Axiom jeder Art menschlicher Kultur anzunehmen. So gilt andererseits, diesen Glaubenssatz zu verteidigen und umzusetzen gegen jede Mißachtung menschlichen Lebens.

In diesem Sinne muß festgehalten werden: Die Würde ist jedem Menschen wesenseigen, sie ist unantastbar. Sie ist zu achten als Resultante jedes menschlichen Genoms. Sie gehört auf die Seite von 'Mensch'. Das aber heißt: Würde gibt es überall dort und dann, wo ein menschliches Genom Lebensfähigkeit erlangt und behält, sei es als Keimzelle, als Embryo, als geborener Mensch, als Behinderter3 oder gar Debiler, auch als Absterbender. Auch dann ist Würde zu achten, wenn sich Menschen an der Würde anderer vergehen. Würde gilt vor Gericht, im Gefängnis, immer und überall. Denn wenn jemand die Würde z.B. eines Kriminellen negiert, negiert er die Achtung, die ihm selbst zukommen sollte. Insofern ist der Grundsatz vollkommen stimmig, daß Würde beachtet werden soll ohne Ansehen von Person.


Anmerkungen:
3 "Ein Aussätziger wird von der Umwelt primär als Aussätziger wahrgenommen, nicht als Person. Er hat keine Möglichkeit zu arbeiten, in der Familie zu leben. Die Aussätzigen dürften in der Regel als Bettler existieren. Alle wichtigen sozialen und geistlichen Beziehungen sind nicht mehr möglich. Auch ihr Verhältnis zu ihrem Gott ist zerstört, denn Aussatz gilt als Folge von Sündentaten. Der Verlust der Menschenwürde ist umfassend." Luise Schottroff, Göttinger Predigtmeditationen 1985/8,S.406 zu Lk 17,11-19. Dabei wird Menschenwürde ganz auf Person bezogen.
 

Anmerkungen:
4 Bei Wetz, geradezu einem Lehrbuch über Würde und Menschenrecht in Geschichte und Politik finden sich folgende Bestandsaufnahmen: In einer pluralistischen Rechtsgemeinschaft wie der unsrigen gibt es mehrere Würdevorstellungen, und kaum eine davon ist frei von Widersprüchen. Manchmal scheint es, als ließe sich fast alles aus der Würdeidee ableiten, dann wieder nichts, woraufhin sie völlig überflüssig würde.." S.79...je mehr der religiös-metaphysische und vernunftphilosophische Hintergrund verblaßt, aus dem die Idee der Menschenwürde einst ihre Kraft und Glaubwürdigkeit bezog, um so nötiger haben wir sie." S.151..."Würde ist im nachmetaphysischen Zeitalter nicht mehr als abstraktes Wesensmerkmal vorstellbar, sondern bestenfalls als Gestaltungsauftrag." S. 162 ... Wetz zitiert Luhmann: "Würde muß konstituiert werden." S.162
"...erstens, Erkenntnis menschlicher Bedürftigkeit und Verwundbarkeit, zweitens, Fähigkeit zur Selbstdistanz, drittens, Wohlwollen. Nach dem Wegfall der traditionellen Metaphysik läßt sich die Idee der Würde nur noch auf solche Gesichtspunkte gründen, ... Bei alledem wird Würde nur noch als Gestaltungsauftrag, nicht mehr aber als Wesensmerkmal vorgestellt." S. 179f. ...Man sollte die Menschenwürde gerade dann achten, wenn es sie nicht gibt ... Erst Würde zu respektieren heißt, sie zu konstituieren." S. 182 ... "der Ausdruck Menschenwürde hat mittlerweile einen sicheren Platz in der Weltöffentlichkeit gefunden; er ist heute ein im allgemeinen Bewußtsein festverankerter Begriff, der sich angesichts weltweiter Not gar nicht mehr aus der Geschichte wegdenken läßt - seine Bedeutung behält und somit verteidigungswürdig bleibt." S. 182
 

Es bleibt eine Gestaltungsaufgabe zu erweisen, daß natürliches und personhaftes Menschsein, daß Mensch wie Person zur Menschlichkeit bestimmt sind. Da jedoch jeder Mensch personhaft veranlagt ist, wird die Frage nach der Basis seiner Würde niemals letztlich entschieden werden5. Vielleicht ist es dennoch gut, sich den Aspekten von Mensch und Person jeweils gesondert zuzuwenden und ihr ineinander verschlungenes Wesen gesondert anzusprechen wie es in dieser Abhandlung versucht wird. Auf jeden Fall hat die Aufgabe, in Gerechtigkeit und Freiheit eine globale Norm von Verantwortung neu zu finden, viel zu tun mit diesen Aspekten des Menschen als Person.


Anmerkung:
5 "Dem neuzeitlichen Naturrecht und Staatsrecht sind Mensch und Person, folglich Menschenwürde und Personenwürde ein und dasselbe." Heinrichs, S.221

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© Pfarramt Ahrenshagen, 15.07.2004
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