Von der Freiheit eines Christenmenschen

Diese zwei Sätze stehen klar bei St. Paulus 1. Kor 9,19: »Ich bin frei in allen Dingen und habe mich eines jeden Knecht gemacht.« Ferner Röm 13,8: »Ihr sollt niemand in etwas verpflichtet sein, außer daß ihr euch einander liebet.« Liebe aber, die ist dem dienstbar und untertan, was sie lieb hat; so heißt es auch von Christus Gal 4,4: »Gott hat seinen Sohn ausgesandt, von einem Weib geboren und dem Gesetze untertan gemacht.«
 
nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und äußerlicher Mensch genannt. Und um dieses Unterschiedes willen wird von ihm gesagt in der Schrift, in den Stellen, die da stracks wider einander sind, wie ich jetzt gesagt, von der Freiheit und Dienstbarkeit.
 
Was hilft's der Seele, daß der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, ißt, trinkt, lebt, wie er will? Widerum, was schadet das der Seele, daß der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie ungern er auch wollte? Dieser Dinge reichet keines bis an die Seele, sie zu befreien oder zu fangen, gerecht oder böse zu machen.
 
Denn alle diese obengenannten Stücke, Werke und Weisen kann auch ein böser Mensch, ein Gleißner (= Blender) und Heuchler an sich haben und üben. Auch wird durch solch Wesen kein ander Volk denn eitel Gleißner. Widerum schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider trägt, an unheiligen Orten weilt, ißt, trinkt (nicht fastet), wallet und betet nicht und läßt alle die Werke anstehen, die die obengenannten Gleißner tun.
 
Also lesen wir im Psalter, besonders im 119. Psalm, daß der Prophet nicht mehr schreiet denn nach dem Wort Gottes. Und in der Schrift (Amos 8,11 ff) wird es für die allerhöchste Plage und den allerhöchsten Zorn Gottes gehalten, so er sein Wort von den Menschen nimmt; widerum für keine größere Gnade, als wo er sein Wort hinsendet, wie Psalm 107,20 steht: »Er hat sein Wort ausgesandt; damit hat er ihnen geholfen.« Und Christus um keines andern Amts willen gekommen ist, als um das Wort Gottes zu predigen. Auch alle Apostel, Bischöfe, Priester und der ganze geistliche Stand allein um des Wortes willen ist berufen und eingesetzt, wiewohl es nun leider anders geht.
 
Daß du aber aus dir und von dir, d.h. aus deinem Verderben, kommen mögest, so setzt er dir vor seinen lieben Sohn Jesus Christus, und läßt dir durch sein lebendiges, tröstliches Wort sagen: "Du sollst in denselben mit festem Glauben dich ergeben und frisch auf ihn vertrauen, so sollen dir um desselben Glaubens willen alle deine Sünden vergeben, all dein Verderben überwunden sein, und du gerecht, wahrhaftig, befriedet, fromm und alle Gebote erfüllt sein, von allen Dingen frei sein, wie St. Paulus Röm 1,17 sagt: »Ein rechtfertiger Christ lebt nur von seinem Glauben«, und Röm 1O,4: »Christus ist das Ende und die Fülle aller Gebote denen, die an ihn glauben.«
 
wie Markus am letzten (16,16) sagt: »Wer da glaubt und getauft ist, der wird selig; wer nicht glaubt, der wird verdammt.« Darum der Prophet Jesaja (10,22) den Reichtum desselben Glaubens ansah und sprach: »Gott wird eine kurze Summe machen auf Erden und in die kurze Summe wird wie Sintflut einfließen die Gerechtigkeit;« das heißt: der Glaube, darin ganz kurz aller Gebote Erfüllung steht, wird im Überflusse rechtfertigen alle, die ihn haben, daß sie nichts mehr bedürfen, daß sie gerecht und fromm seien. Also sagt St. Paulus Röm 10, 10: »Daß man von Herzen glaubt, das macht einen gerecht und fromm.«
 
Darum sind sie nur dazu geordnet, daß der Mensch darinnen sehe sein Unvermögen zu dem Guten und lerne an sich selbst verzweifeln. Und darum heißen sie auch das Alte Testament und gehören alle in's Alte Testament. Wie das Gebot: »Du sollst nicht böse Begierde haben« (2 Mose 20,17) beweiset, daß wir allesamt Sünder sind und kein Mensch vermag zu sein ohne böse Begierde, er tue, was er will, woraus er lernet an sich selbst verzagen und anderswo zu suchen Hilfe, daß er ohne böse Begierde sei und also das Gebot erfülle durch einen andern, was er aus sich selbst nicht vermag - also sind auch alle andern Gebote uns unmöglich.
 
Denn was dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, deren viel sein müssen und doch keins nütze ist, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurz in den Glauben gestellet alle Dinge, daß, wer ihn hat, haben soll alle Dinge und selig sein; wer ihn nicht hat, soll nichts haben. Also geben die Zusagungen Gottes, was die Gebote erfordern, und vollbringen, was die Gebote heißen, auf daß es alles Gottes Eigen sei, Gebot und Erfüllung. Er heißet allein, er erfüllt auch allein. Darum sind die Zusagungen Gottes Worte des Neuen Testaments und gehören auch ins Neue Testament.
 
Wie das Wort ist, so wird auch die Seele von ihm, gleich wie das Eisen wird glutrot wie das Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer. Also sehen wir, daß in dem Glauben ein Christenmensch genug hat; er bedarf keines Werks, daß er fromm sei. Bedarf er denn keines Werks mehr, so ist er gewißlich entbunden von allen Geboten und Gesetzen; ist er entbunden, so ist er gewißlich frei. Das ist die christliche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht, nicht daß wir müßig gehen oder übel tun können, sondern daß wir keines Werks bedürfen, zur Frommheit und Seligkeit zu gelangen, wovon wir hernach mehr sagen wollen.
 
womit die Seele ihn für einen Untüchtigen, Lügenhaftigen, Leichtfertigen hält und, soviel an ihr ist, ihn verleugnet mit solchem Unglauben und einen Abgott ihres eigenen Sinns im Herzen wider Gott aufrichtet, als wollte sie es besser wissen denn er. - Wenn dann Gott siehet, daß ihm die Seele Wahrheit gibt und ihn also ehret durch ihren Glauben, so ehret er sie wiederum und hält sie auch für fromm und wahrhaftig durch solchen Glauben. Denn daß man Gott die Wahrheit und Frommheit gebe, das ist Recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig, welches die nicht tun, die nicht glauben und sich doch mit vielen guten Werken treiben und mühen.
 
Denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark. Also wird die Seele von allen ihren Sünden geläutert durch ihren Mahlschatz (= Brautschatz, Brautring), das ist des Glaubens halber, und wird ledig und frei und begabt mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus. Ist das nicht eine fröhliche Wirtschaft, daß der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen Gütern? So ist's nicht möglich, daß die Sünden sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christus und sind in ihm verschlungen. Auf diese Weise hat sie so eine reiche Gerechtigkeit in ihrem Bräutigam, daß sie abermals wider alle Sünden bestehen kann, ob sie schon auf ihr lägen. Davon sagt Paulus 1. Korinther 15,57: »Gott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben eine solche Überwindung in Christo Jesu, in welcher verschlungen ist der Tod mit der Sünde.«
 
Denn wer das erste Hauptgebot erfüllet, der erfüllet gewißlich und leichtlich auch alle andern Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, können nicht ehren noch loben Gott, wiewohl sie mögen geschehenlassen sich tun, Gott zu Ehren und Lobe. Aber wir suchen hier den, der nicht getan wird wie die Werke, sondern den Selbsttäter und Werkmeister, der Gott ehret und die Werke tut. Das ist niemand denn der Glaube des Herzens: der ist das Haupt und das ganze Wesen der Frommheit. Darum es eine gefährliche, finstere Rede ist, wenn man lehret, die Gebote Gottes mit Werken zu erfüllen, während die Erfüllung vor allen Werken durch den Glauben muß geschehen sein und die Werke folgen nach der Erfüllung, wie wir hören werden.
 
Damit aber ist nicht ausgenommen zeitlich Gut, denn es sind ihm alle Dinge unterworfen im Himmel, Erde und Hölle, wiewohl man ihn nicht sieht, das macht, weil er geistlich, unsichtbar regiert.
Also auch sein Priestertum nicht in den äußerlichen Gebärden und Kleidern besteht, wie wir bei den Menschen sehen, sondern es besteht im Geist unsichtbar also, daß er vor Gottes Augen ohne Unterlaß für die Seinen steht und sich selbst opfert und alles tut, was ein frommer Priester tun soll. »Er bittet für uns«, wie St. Paulus Römer 8,34 sagt; ebenso lehret er uns inwendig im Herzen, welches sind zwei eigentliche, rechten Ämter eines Priesters, denn also bitten und lehren auch äußerliche, menschliche, zeitliche Priester.
 
denn wir müssen sterben leiblich und kann niemand dem Tod entfliehen; ebenso müssen wir auch viel andern Dingen unterliegen, wie wir an Christo und seinen Heiligen sehen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die da regieret in der leiblichen Unterdrückung, das ist, ich kann mich an allen Dingen bessern nach der Seele, daß auch der Tod und Leiden mir müssen dienen zur Seligkeit. Das ist eine gar hohe, herrliche Würdigkeit und eine rechte, allmächtige Herrschaft, ein geistlich Königreich, da kein Ding ist so gut, so böse, es muß mir dienen zum Guten, so ich glaube, und ich bedarf sein doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genugsam. Siehe, wie ist das eine köstliche Freiheit und Gewalt der Christen!
 
»Gott tut den Willen derer, die ihn fürchten, und erhöret ihr Gebet«, zu welchen Ehren sie nur allein durch den Glauben und durch kein Werk kommen. Daraus sieht man klar, wie ein Christenmensch frei ist von allen Dingen und über alle Dinge, also daß er keiner guten Werke dazu bedarf, daß er fromm und selig sei; sondern der Glaube bringt's ihm alles überflüssig. Und wo er so töricht wäre und meinte, durch ein gutes Werk fromm, frei, selig oder Christ zu werden, so verlöre er den Glauben mit allen Dingen, gleichwie der Hund, der ein Stück Fleisch im Mund trug und nach dem Schemen (= Schatten, Trugbild) im Wasser schnappte, damit Fleisch und Schemen verlor.
 
Also sagt St. Paulus 1. Kor. 4,1: »Wir wollen für nichts mehr von den Leuten gehalten sein denn Christi Diener und Schaffner des Evangelii.« Aber nun ist aus der Schaffnerei geworden eine solch weltliche, äußerliche, prächtige, furchtsame Herrschaft und Gewalt, daß ihr die rechte weltliche Macht in keinem Wege kann gleichen, gerade als wären die Laien etwas anderes als Christenleute, womit hin(weg)genommen ist der ganze Sinn christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles, was wir von Christo haben, und Christus selbst; wir haben dafür überkommen viel Menschen-Gesetz und -Werk, sind ganz Knechte geworden der alleruntüchtigsten Leute auf Erden.
 
Denn wo ein Herz also Christum höret, das muß fröhlich werden von ganzem Grunde, Trost empfangen und süß werden gegen Christus, ihn wiederum lieb zu haben. Dahin es nimmermehr mit Gesetzen oder Werken kommen kann. Denn wer will einem solchen Herzen Schaden tun oder es erschrecken? Fällt die Sünde und der Tod daher, so glaubt es, Christus' Frommheit sei sein, und seine Sünden seien nimmer sein, sondern Christi: so muß die Sünde verschwinden vor Christus' Frommheit in dem Glauben, wie droben gesagt ist, und das Herz lernet, mit dem Apostel (1. Kor. 15,55 ff) dem Tod und der Sünde Trotz zu bieten und sagen: »Wo ist nun, du Tod, dein Sieg? Wo ist nun, Tod, dein Spieß? Dein Spieß ist die Sünde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben den Sieg durch Jesum Christum, unsern Herrn. Und der Tod ist ersäuft in seinem Sieg usw.«
 
Nein, lieber Mensch, nicht also! Es wäre wohl also, wenn du ganz allein ein innerlicher Mensch wärest und ganz geistlich und innerlich geworden, welches nicht geschieht bis am jüngsten Tag. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben und Zunehmen, welches wird in jener Welt vollbracht. Daher heißt's der Apostel (Römer 8,23) primitias spiritus, das sind die ersten Früchte des Geistes; darum gehört hierher, was droben gesagt ist: »Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan«; das ist so viel wie: Wo er frei ist, darf er nichts tun, wo er Knecht ist, muß er allerlei tun. Wie das zugehe, wollen wir sehen.
 
Doch findet er in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der will der Welt dienen und suchen, was ihn gelüstet. Das mag der Glaube nicht leiden und legt sich mit Lust an seinen Hals, ihn zu dämpfen und ihm zu wehren, wie St. Paulus sagt, Römer 7,22 f: »Ich habe eine Lust zu Gottes Willen nach meinem innern Menschen, doch finde ich einen andern Willen in meinem Fleisch, der will mich mit Sünden gefangen nehmen.« Ferner 1. Kor. 9,27: »Ich züchtige meinen Leib und treibe ihn zu Gehorsam, damit ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die andern lehren soll.« Ferner Gal. 5,24: »Alle, die Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch mit seinen bösen Lüsten.«
 
und suche darin und sehe auf nichts anderes, denn daß es Gott also gefällt, dessen Willen er gerne täte auf's allerbeste. Daraus denn ein jeglicher kann selbst nehmen Maß und Bescheidenheit, den Leib zu kasteien, denn er fastet, wachet, arbeitet so viel, wie er sieht, daß dem Leib Not (= nötig) ist, seinen Mutwillen zu dämpfen. Die andern aber, die da meinen, mit Werken fromm zu werden, haben keine Acht auf die Kasteiung, sondern sehen nur auf die Werke und meinen, wenn sie derselben nur viele und große tun, so sei es wohl getan und sie würden fromm; sie zerbrechen zuweilen die Köpfe und verderben ihre Leiber darüber. Das ist eine große Torheit und Unverstand christlichen Lebens, daß sie ohne Glauben durch Werke fromm und selig werden wollen.
 
Also auch eines gläubigen Menschen Werk, welcher durch seinen Glauben ist wiederum in's Paradies gesetzt und von neuem geschaffen: er bedarf keiner Werke, fromm zu werden, sondern daß er nicht müßig gehe und seinen Leib anstrenge und bewahre, darum allein sind ihm solche freien Werke zu tun befohlen, und damit er Gott gefalle.
Ebenso, gleichwie einen geweiheten Bischof, wenn er Kirchen weihet, firmt oder sonst seines Amtes Werk übet, dieselben Werke nicht zu einem Bischof machen - ja, wenn er nicht zuvor zum Bischof geweihet wäre, so taugte derselben Werke keines und wäre eitel Narrenwerk -; also wird ein Christ, der, durch den Glauben geweihet, gute Werke tut, durch dieselben nicht besser oder mehr geweihet (was nichts denn des Glaubens Mehrung tut) zu einem Christen; ja wenn er nicht zuvor glaubte und Christ wäre, so gälten alle seine Werke nichts, sondern wären eitel närrische, sträfliche, verdammliche Sünde.
 
Ein gutes oder böses Haus macht keinen guten oder bösen Zimmermann, sondern ein guter oder böser Zimmermann macht ein gutes oder böses Haus; kein Werk macht einen Meister, darnach das Werk ist, sondern wie der Meister ist, darnach ist sein Werk auch. Also sind die Werke des Menschen auch: wie es mit ihm steht im Glauben oder Unglauben darnach sind seine Werke gut oder böse, und nicht widerum, wie seine Werke stehn, darnach sei er fromm oder gläubig.
Die Werke gleich wie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm; aber der Glaube, gleich wie er fromm macht, so macht er auch gute Werke. So denn die Werke niemand fromm machen und der Mensch zuvor muß fromm sein, ehe er Werke tut, so ist offenbar, daß allein der Glaube aus lautern Gnaden durch Christum und sein Wort die Person genugsam fromm und selig machet und daß kein Werk, kein Gebot einem Christen not sei zur Seligkeit, sondern er frei ist von allen Geboten und aus lauter Freiheit umsonst tut, was er tut, ohne damit zu suchen seinen Nutz oder Seligkeit (denn er ist schon satt und selig durch seinen Glauben und Gottes Gnaden), sondern nur um Gott darinnen zu gefallen.
 
Aber das ist alles im Schein und äußerlich, welches Ansehen irre macht viel Leute, die da schreiben und lehren, wie man gute Werke tun soll und fromm werden, so sie doch des Glaubens nimmer gedenken; sie gehn dahin und es führet immer ein Blinder den andern, martern sich mit vielen Werken und kommen doch nimmer zu der rechten Frommheit, von welchen St. Paulus sagt (2 Tim 3,5 ff): »Sie haben einen Schein der Frommheit, aber der Grund ist nicht da, gehn hin und lernen immer und immer, und kommen doch nimmer zur Erkenntnis der wahren Frommheit.«
Wer nun mit denselben Blinden nicht will irren, muß weiter sehen denn in die Werke, Gebote oder Lehre der Werke: er muß in die Person sehen vor allen Dingen, wie die fromm werde. Die wird aber nicht durch Gebot und Werk, sondern durch Gottes Wort (das ist, durch seine Verheißung der Gnade) und den Glauben fromm und selig, auf daß bestehe seine göttliche Ehre, daß er uns nicht durch unser Werk, sondern durch sein gnädiges Wort umsonst und aus lauter Barmherzigkeit selig mache.
 
Derhalben, obwohl es gut ist, von Reue, Beichte, Genugtuung zu schreiben und zu predigen, sind es gewißlich, so man nicht weiter fähret bis zum Glauben, eitel teuflische, verführerische Lehren. Man muß nicht einerlei allein predigen, sondern alle beide, das Wort Gottes und die Gebote, soll man predigen, die Sünder zu erschrecken und ihre Sünde zu offenbaren, daß sie Reue haben und sich bekehren. Aber da soll es nicht bleiben, man muß das andere Wort, die Zusagung der Gnaden auch predigen, um den Glauben zu lehren, ohne welchen die Gebote, Reue und alles andere vergebens geschieht. Es sind wohl noch geblieben Prediger, welche Reue der Sünde und Gnade predigen, aber sie heben die Gebote und Zusagung Gottes nicht heraus, daß man lerne, woher und wie die Reue und Gnade komme. Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagungen Gottes, und also wird der Mensch durch den Glauben göttlicher Worte gerechtfertiget und erhoben, der durch die Furcht vor dem Gebote Gottes gedemütiget und in seine Erkenntnis gekommen ist.
 
ihr wollt mein Herz erfreuen vollkömmlich, und das damit, daß ihr hinfort wollet eines Sinnes sein, einer gegen den andern Liebe erzeigen, einer dem andern dienen, und ein jeglicher Acht haben nicht auf sich noch auf das Seine, sondern auf den andern und was dem andern not sei.« Siehe, da hat Paulus klärlich ein christlich Leben dahingestellet, daß alle Werke sollen gerichtet sein dem Nächsten zu gute, dieweil ein jeglicher für sich selbst genug hat an seinem Glauben, und alle andern Werke und Leben ihm übrig sind, seinem Nächsten damit aus freier Liebe zu dienen. Darzu führet er Christum zu einem Exempel an und sagt (Phil. 2,5 ff): »Seid also gesinnet, wie ihr's seht in Christo, welcher, obwohl er voll göttlicher Form war, war und für sich selber genug hatte und ihm sein Leben, Wirken und Leiden nicht not war, daß er damit fromm oder selig würde, dennoch sich alles dessen entäußert hat und gebärdet wie ein Knecht, allerlei getan und gelitten, nichts angesehen denn unser Bestes und also, obwohl er frei war, doch um unsretwillen ein Knecht geworden.«
 
Ei, so will ich solchem Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern also überschüttet hat, widerum frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohl gefället, und gegen meinen Nächsten auch werden ein Christ, wie Christus mir geworden ist, und mehr tun, denn was ich nur sehe, daß ihm not, nützlich und seliglich sei, dieweil ich doch durch meinen Glauben aller Dinge in Christo genug habe. - Siehe, also fleußet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein frei, willig, fröhlich Leben, dem Nächsten zu dienen umsonst. Denn ebenso wie unser Nächster Not leidet und unseres Übrigen bedarf, also haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnaden bedurft. Darum, wie uns Gott hat durch Christum umsonst geholfen, also sollen wir durch den Leib und seine Werke nur immer dem Nächsten helfen. Also sehen wir, wie ein hochedles Leben sei um ein christlich Leben, das leider nun in aller Welt nicht allein darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist, noch gepredigt wird.
 
Also sollten auch aller Priester, Klöster und Stifter Werke getan sein, daß ein jeglicher seines Standes und Ordens Werk allein darum täte, den andern zu willfahren und seinen Leib zu regieren, den anderen Exempel zu geben, auch also zu tun, die auch bedürfen, ihre Leiber zu zwingen; doch muß man sich allezeit vorsehen, daß man sich nicht vornehme, dadurch fromm und selig zu werden, welches allein des Glaubens Vermögen ist. Auf diese Weise gebeut auch St. Paulus Röm. 13,1 ff und Tit. 3,1, daß sie sollen weltlicher Gewalt untertan und bereit sein, nicht daß sie dadurch fromm werden sollen, sondern daß sie den anderen und der Obrigkeit frei dieneten und ihren Willen täten aus Liebe und Freiheit. Wer diesen Verstand hätte, der könnte leichtlich sich richten in die unzähligen Gebote und Gesetze des Papstes, der Bischöfe, der Klöster, der Stifter, der Fürsten und Herren, die etliche tolle Prälaten also treiben, als wären sie not zur Seligkeit, und heißen es Gebote der Kirche, wiewohl unrecht. Denn ein freier Christ spricht also: Ich will fasten, beten, dies und das tun, was geboten ist, nicht weil ich's bedarf oder dadurch wollte fromm oder selig werden, sondern ich will's dem Papst, dem Bischof, der Gemeine oder meinem Mitbruder, Herrn zu willen, Exempel und Dienst tun und leiden, gleichwie mir Christus viel größere Dinge getan und gelitten hat, wozu ihm viel weniger not war. Und obschon die Tyrannen Unrecht tun, solches zu fordern, so schadet's mir doch nicht, dieweil es nicht wider Gott ist.«
 
Was sollen dir deine Güter und guten Werke, die dir übrig sind, deinen Leib zu regieren und zu versorgen, so du genug hast am Glauben, darin dir Gott alle Dinge gegeben hat?
Siehe, also müssen Gottes Güter fließen aus einem in den andern, daß ein jeglicher sich seines Nächsten annähme, als wäre er's selbst. Aus Christo fließen sie in uns, der sich unser hat angenommen in seinem Leben, als wäre er das gewesen, was wir sind. Aus uns sollen sie fließen, in die, so ihrer bedürfen, auch so ganz, daß ich muß auch meinen Glauben und Gerechtigkeit für meinen Nächsten setzen vor Gott, seine Sünden zu decken, sie auf mich nehmen und nicht anders tun, als wären sie mein Eigen, eben wie Christus uns allen getan hat. Siehe, das ist die Natur der Liebe, wo sie wahrhaftig ist. Da ist sie aber wahrhaftig, wo der Glaube wahrhaftig ist. Darum gibt der heilige Apostel der Liebe zu eigen, 1. Kor. 13,5, daß sie nicht sucht das Ihre, sondern was des Nächsten ist.
 
»Ihr werdet noch sehen den Himmel offen und die Engel auf- und absteigen über den Sohn des Menschen.« Siehe, das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Gott gebe uns, daß wir diese Freiheit recht verstehen und behalten,
Amen.
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Textfassung von K. Pannier 1883, behutsam modernisiert.
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