Kirche verteidigt Würde konkret

Die Christenheit bejaht also den Staat, weil sie an sein göttliches Geheimnis glaubt, daß er nämlich den Menschen von Gott zum Dienst eingesetzt ist. Ja, sie hat den Willen Gottes zum Staat zu verkündigen. Dieses ihr Mitdenken der Ordnungsaufgabe des Staates ist dabei nur ein Besonderes neben ihrem allgemeinen Dienstauftrag, der ihr gebietet, Liebe zu üben und damit Gottes Willen an Menschen zu dienen. Ihre Liebe zum Menschen gründet nicht in einer dem Menschen eignenden Liebenswürdigkeit, sondern darin, daß Gott ihn geschaffen und ihn in Christus seiner vergehenden Liebe gewürdigt hat. Das gibt ihrer Menschenliebe das feste Fundament und die Dauer. "Habt Euch untereinander inbrünstig lieb aus reinem Herzen" (l. Petr. 1,22). Christi Liebe zu allen Menschen läßt für alle Menschen hoffen und macht die Christen tätig. Die Kirche hat ihren Glauben an den Herrscher der Welt als Mut zur Offentlichkeit zu bewähren. Und sie hat in diesem Mut zur Offentlichkeit zu beweisen, daß es ihr um den Menschen geht.

 

Wenn sich die Mächte von Ost und West gegenseitig vorwerfen, den je von ihr besetzten Teil zum Satelliten oder Protektorat zu machen, so können wir dem Vorwurf in dieser Art das Recht nicht absprechen. Der Primat der politischen Fragestellung ist dem unterlegenen Volk gegenüber verständlich. Die Kirche aber wird um der leidenden Menschen willen diesen Primat grundsätzlich bestreiten müssen. Nur ein unbesetztes Volk in Freiheit dürfte ideologisch so festgelegt werden, wie es augenblicklich geschieht. Die damit beschriebenen Mißstände haben die verschiedensten praktischen Konsequenzen. Das Vertrauen zur Rechtsprechung ist für diesen Raum gründlich erschüttert. Die beobachtete Erpressung von Geständnissen geht gegen den Willen Gottes mit den Menschen, auch wo sie dem Staat zu dienen scheinen. Furcht und Mißtrauen sind die Folgen, die nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Kirche muß die Zerrüttung des Vertrauens bekanntmachen, wenn nicht die Obrigkeit selber Schaden nehmen soll. Daß die Kirche Zwang zum Spitzeldienst verwirft, hat sie mehrfach laut bekundet. Sie weiß, welchen Schaden der Staat selbst dabei nimmt. Daß Schäden an der Einbringung der Ernte, Schäden am Recht, Schäden an der Ehre von Menschen durch ideologische Flurbereinigungen nicht gerechtfertigt sind, kann sie nur immer wieder in Erinnerung bringen. Die übertriebenen Strafen für politische Torheiten der Jugendlichen lassen auf eine Furcht schließen, die kein Zeichen von Stärke ist. Die Kirche hat in der altpreußischen Synode die Verantwortlichen in Ost und West beschworen, den Mißbrauch der Jugend für politische Abenteuer zu unterlassen. Sie muß andererseits für dieselben Jugendlichen eintreten, weil sie Strafen von 15 bis 25 Jahren Zuchthaus weder für menschlich noch für politisch klug halten kann.

 

Es ist nicht gut, daß die Kirche als Kirche zu konkreten Anlässen sprechen muß durch ihr Predigtamt, weil das Dabeisein der Christen in den weltlichen Berufen die vernünftige Regelung offensichtlich nicht erbringt, obwohl Ansätze nicht zu übersehen sind. Versagen die Christen in den Berufen, oder wagen sie nicht die Freiheit zu vernünftigem Rat und nicht den Kampf um vernünftige Reform?

Wahrnehmung der öffentlichen Verantwortung setzt Freiheit voraus. Der Christ hat diese, auch wenn sie ihm nicht vergönnt wird. Wer aber andere unfrei macht, ist durch ihre Unfreiheit selbst nicht mehr recht frei. Menschen aber, die unfrei gemacht sind, können von Gott, der das Recht liebhat, freigehalten werden. Das bekannte Wort, daß sich zu Zeiten, in denen Freiheit leidet, die Besten eines Volkes im Gefängnis treffen, sollte daran erinnern, daß es keine Ehre wäre, wenn die Christen in Gefängnissen fehlten. Ihre öffentliche Verantwortung ist nicht geringer als die aller anderen Menschen. Es kann "Dienst", d. h. gebotener Gehorsam gegen Gottes Gebot, sein, daß Christen sich ebendort befinden -- abgesehen von der notwendigen Verkündigung des Evangeliums unter den Elenden, die die Kirche oft genug auf diese Weise wahrnehmen muß. öffentliche Konflikte zu meiden, sollte nicht zum Ehrentitel der Kirche gemacht werden. Wo Christus nicht gehorcht, sondern geschmäht wird, darf die Kirche nicht ungeschmäht bleiben wollen. Wer das verstanden hat, wird den nötigen Abstand wahren und sich nicht mit denen identifizieren, die sich ihrer eigenen Verdienste, Doktrinen und Ideologien rühmen.

 

Die Kirche hat also den Menschen zu verteidigen. Man kann es nicht schöner sagen als Luther im Großen Katechismus:

"Da kommt nun Gott zuvor wie ein freundlicher Vater, legt sich ins Mittel und will den Hader geschieden haben, daß kein Unglück daraus entstehe und einer den anderen verderbe. Und immer will er damit einen Jeglichen beschirmet, befreiet und befriedet haben (pacatum et defensum esse contendit) vor jedermanns Frevel und Gewalt und dies Gebot zur Ringmauer, Feste und Freiheit (murum arcem, asylum et propugnaculum) um den Nächsten, daß man ihm kein Leid noch Schaden tue am Leibe."
 

Er wird auch dem Enteigneten und Entrechteten die großen und kleinen Zeichen der Liebe Gottes vor Augen halten und ihm zu leben helfen im Blick auf oft noch unerkannte Möglichkeiten Gottes, ein zerstörtes Leben neu "lebenswert" zu machen. Wer hier annimmt, daß damit die Kirche jederzeit ausgenutzt werden könne zum reibungsloseren Gelingen des Unrechts, sieht nicht ganz falsch. Aber der Kirche geht der Kanon der Menschenliebe vor dem der Erhaltung vernünftigen Rechtes und aller Ansprüche. Liebe weiß genauer als eine Doktrin, was zu tun ist. Wozu die Liebe leiten kann, wird sie nicht vorher sagen können. Auf alle Fälle hat sie um ihrer eschatologischen Erkenntnis willen einen langen Atem und sucht über dem kurzlebigen Menschen Zeichen zur Verwandlung der Welt. Angesichts der zerbrochenen Gebote Gottes schreit sie nach der Wiederkunft ihres Herrn und ruft um seinetwillen zur Geduld (Jak. 5). So ermöglicht sie in den Geduldigen, priesterlich Dienenden, zur öffentlichen Verantwortung Gerufenen die Bildung echter Autorität, einer Autorität, wie sie Menschen gewinnen können durch bewährte Treue und erwiesene Leidensbereitschaft. Sie gießt nicht Ö1 in das Feuer, um Weltbrände zu entfachen, sondern sie verbindet und heilt. Sie paßt deshalb in keine ideologischen Kreuzzugspläne, sondern ihre Liebe führt sie von Fall zu Fall in konkreten Dienst. Sie behaftet nicht ihre Gegner in der Logik ihrer möglichen Entwicklung, sondern spricht mit ihnen, um die mögliche Logik zur Vernunft zurückzugewinnen. Sie warnt vor dem Richten, um nicht Gerichte heraufzubeschwören. Sie ist den Ideologen fremd, wird von ihren Dienern offen gehaßt und von den Menschen gleichzeitig heimlich geliebt, und das oft in wirrem Wechsel. Denn die Menschen, zu denen sie hält, würden sich selbst nur dann zu ihr halten können, wenn sie es um Gottes Willen täten. Wer nicht um Gottes willen Glied der lebendigen Kirche ist, wird sich, auch nach empfangener Wohltat, zerstreuen und wird eines Tages gegen die Kirche stehen, so in Ost und so in West.

 

Sie besorgt dabei gewiß nicht nur den Kampf um ihre Selbsterhaltung, sie gehört nicht zu denen, die sich gütlich tun können, weil sie schweigen oder einen heimlichen Bund mit dem Unrecht schließen, sondern sie lebt in einem zähen geduldigen Kampf um den nächsten Schritt. Weil sie weiß, daß Christus erhöht ist zur rechten Hand Gottes, und weil sie sein Wort in Macht kennt und glaubt, wagt sie zu leben. Das grundsätzliche Nein in der Welt ist Ferment der Dekomposition, auch wenn es als Fortschritt bezeichnet wird. Eine Schöpfung aus dem Nichts ist Sache Gottes, aber nicht Sache revolutionärer Ideologien. So leisten Christen in öffentlicher Verantwortung den behutsamen Dienst, aus dem Vorhandenen unter den Geboten Gottes das Mögliche und Heilsame zu machen, und erfahren den Auftrag und die Gefahr ihres Berufes gerade in diesem menschlich gesprochen aussichtslosen Dienst. Ein Christ, der nicht über den zerbrochenen Geboten nach der Wiederkunft Christi schreien müßte, würde sich in allen Teilen der Welt über das wirkliche Unrecht, das da geschieht, getäuscht haben.

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© Pfarramt Ahrenshagen, 30.07.2004
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