Die Würde des Menschen

Was bedeutet Würde? Worauf gründet sie?

Die falsche Schätzung

Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glück, wenigstens von ihren Bedienten die Wahrheit zu hören, die ihnen nicht leicht ein anderer sagt.
Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinen Werth, und nicht wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete, als er sich eben zu einer Hochzeit angezogen hatte und so mit seinen fetten roten Backen im Spiegel beschaute, drehte er sich vom Spiegel um und fragt seinen Kammerdiener, der ihn von der Seite her wohlgefällig beschaute, "Nun, Thadde," fragte er ihn, "wie viel mag wohl ich werth sein, wie ich da stehe?" Der Thadde machte ein Gesicht, als wenn er ein halbes Königreich zu schätzen hätte, und drehte lang die rechte Hand mit ausgestreckten Fingern so her und hin. "Doch auch fünfhundert und fünfzig Gulden, sagt er endlich, weil doch heut zu tage alles theurer ist, als sonst." Da sagte der Herr: "Du dummer Kerl, glaubst du nicht, daß mein Gewand, das ich anhabe, allein seine fünfhundert Gulden werth ist?" Da trat der Kammerdiener ein paar Schritte gegen die Stubenthür zurück und sagte : "Verzeiht mir meinen Irrthum, ich habs etwas höher angeschlagen, sonst hätt' ich nicht so viel herausgebracht."

J. P. Hebel, Der "Rheinische Hausfreund", etwa 1805 geschrieben

Was lernt uns das?
Würde, so weit sie mit "Wert" zu tun hat, ist nicht von der Selbsteinschätzung abhängig. Wir werden darauf zurückkommen.

 
Zu diesen Festlegungen des Grundgesetzes bemerkt die RGG
= Die Religion in Geschichte und Gegenwart, J. C. B. Mohr (Siebeck), Tübingen, 1956/1965:

"Weil die Würde des Menschen unantastbar und es »Verpflichtung aller staatlichen Gewalt« ist, »sie zu achten und zu schützen«, »darum« bekennt sich das Deutsche Volk zu Menschenrechten. Die Menschenwürde, ein theologisch und philosophisch verwurzelter Begriff, wird primär als unantastbar vorausgesetzt; erst sekundär wird ihre Beachtung gesetzlich befohlen. Sie ist mithin als höchster Rechtswert deklariert und gibt Veranlassung für die weitere Anerkennung von Menschenrechten. Nach Auffassung vieler hat hier naturrechtliches Ideengut wieder Ausdruck in einer deutschen Verfassung gefunden. Die theonome Spitze der Verfassung findet sich in den Eingangsworten der Präambel, welche die Motive des Gesetzgebers offenlegt und in der das Staatsvolk auf seine »Verantwortung vor Gott und den Menschen« hinweist. So erscheint Art. 1 als eine Folge der Anrufung Gottes als des Schöpfers der Person (erschaffen ad imaginem Dei= nach dem Bilde Gottes)".

Gleich darauf wird in der RGG eine wesentliche Unterscheidung getroffen, deren Mißachtung sich für sinnige Gedankenspiele aller Art geradezu anbietet:

"Wenn Menschenwürde wahrhaft »unantastbar« sein soll, muß zunächst eine innere Würde (maiestas) gemeint sein, die als solche weder der Respektierung noch des staatlichen Schutzes bedürftig ist. Diese ist wiederum Ursache für die äußere Würde jedes Menschen (dignitas)".

Das versprochene Gedankenspiel?
Hier ist eins: "Je mehr ich über die Würde der Gorillas weiß, desto mehr meide ich die Menschen." (Dian Fossey, Gorillaforscherin)

 

Die Leugnung Gottes und der Geschöpflichkeit des Menschen entzieht ihm seine Definition, seine Bestimmung, seine Würde. Es kann nicht ernsthaft bestritten werden, daß die Entwicklung der Menschenrechtsideen im "Abendland" christlich, die in der "Neuen Welt" speziell protestantisch inspiriert sind. Das westliche säkulare Denken, Rationalismus, Humanismus, auch der Sozialismus sind "Kinder" des Christentums, auch wenn sich mancher dessen schämt. Als Kronzeugen aus zwei verschiedenen Jahrhunderten zitieren wir Johann Gottfried Herder und Dietrich Bonhoeffer.

Die Einzigartigkeit des Menschen bedarf, bei Leugnung Gottes, einer andersgearteten Begründung.
Es gab und gibt viele Versuche, solche Begründungen zu erfinden. Die biologistischen Versuche scheinen überwunden, von den faschistischen und kommunistischen hoffen wir es zuversichtlich.
Einen modernen Versuch, den wir den "individualistischen Ansatz" nennen, dessen wichtigste Leistung die Selbstverwirklichung ist, wollen wir vorstellen und kritisieren.

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© Pfarramt Ahrenshagen, 15.07.2004
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