Vorbemerkung:
Das Grundgesetz beginnt mit: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. ...". Abgesehen davon, daß seit jeher auf ihr (fast) beliebig herumgetrampelt wird, ist gegenwärtig die Würde des Menschen im Zusammenhang mit ethischen Fragen der Biomedizin oder auch des "Sozialen" heftig im Gerede. Deshalb soll eine kleine Materialsammlung helfen, der Diskussion etwas Substanz zu geben. Die Idee der Menschenwürde ist christlichem Denken entsprungen. Christliche Kirchen sind im Kern ihres Auftrages betroffen, wenn aus vordergründigen Interessen ("... da tut sich ein Riesenmarkt auf!") Menschenwürde relativiert oder uminterpretiert wird.

Interessant, daß in diesem kurzen Text die negativen Begriffe so stark vertreten sind. Aber der Hinweis mit "wert" ist gut. Dazu fällt uns dies ein (siehe nebenan):
Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glück, wenigstens von ihren Bedienten die Wahrheit zu hören, die ihnen nicht leicht ein anderer sagt.
Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinen Werth, und nicht wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete, als er sich eben zu einer Hochzeit angezogen hatte und so mit seinen fetten roten Backen im Spiegel beschaute, drehte er sich vom Spiegel um und fragt seinen Kammerdiener, der ihn von der Seite her wohlgefällig beschaute, "Nun, Thadde," fragte er ihn, "wie viel mag wohl ich werth sein, wie ich da stehe?" Der Thadde machte ein Gesicht, als wenn er ein halbes Königreich zu schätzen hätte, und drehte lang die rechte Hand mit ausgestreckten Fingern so her und hin. "Doch auch fünfhundert und fünfzig Gulden, sagt er endlich, weil doch heut zu tage alles theurer ist, als sonst." Da sagte der Herr: "Du dummer Kerl, glaubst du nicht, daß mein Gewand, das ich anhabe, allein seine fünfhundert Gulden werth ist?" Da trat der Kammerdiener ein paar Schritte gegen die Stubenthür zurück und sagte : "Verzeiht mir meinen Irrthum, ich habs etwas höher angeschlagen, sonst hätt' ich nicht so viel herausgebracht."
Was lernt uns das?
Würde, so weit sie mit "Wert" zu tun hat, ist nicht von der Selbsteinschätzung abhängig. Wir werden darauf zurückkommen.
Präambel
Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.
Die Deutschen ....
I. Die Grundrechte
Artikel 1
[Menschenwürde, Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt]
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich ...
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Artikel 2
[Handlungsfreiheit, Freiheit der Person]
(1) Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Reicht erst mal. Speziell auf Artikel 2 werden wir zurück kommen. .....
"Weil die Würde des Menschen unantastbar und es »Verpflichtung aller staatlichen Gewalt« ist, »sie zu achten und zu schützen«, »darum« bekennt sich das Deutsche Volk zu Menschenrechten. Die Menschenwürde, ein theologisch und philosophisch verwurzelter Begriff, wird primär als unantastbar vorausgesetzt; erst sekundär wird ihre Beachtung gesetzlich befohlen. Sie ist mithin als höchster Rechtswert deklariert und gibt Veranlassung für die weitere Anerkennung von Menschenrechten. Nach Auffassung vieler hat hier naturrechtliches Ideengut wieder Ausdruck in einer deutschen Verfassung gefunden. Die theonome Spitze der Verfassung findet sich in den Eingangsworten der Präambel, welche die Motive des Gesetzgebers offenlegt und in der das Staatsvolk auf seine »Verantwortung vor Gott und den Menschen« hinweist. So erscheint Art. 1 als eine Folge der Anrufung Gottes als des Schöpfers der Person (erschaffen ad imaginem Dei= nach dem Bilde Gottes)".
Gleich darauf wird in der RGG eine wesentliche Unterscheidung getroffen, deren Mißachtung sich für sinnige Gedankenspiele aller Art geradezu anbietet:
"Wenn Menschenwürde wahrhaft »unantastbar« sein soll, muß zunächst eine innere Würde (maiestas) gemeint sein, die als solche weder der Respektierung noch des staatlichen Schutzes bedürftig ist. Diese ist wiederum Ursache für die äußere Würde jedes Menschen (dignitas)".
Das versprochene Gedankenspiel?
Hier ist eins: "Je mehr ich über die Würde der Gorillas weiß, desto mehr meide ich die Menschen." (Dian Fossey, Gorillaforscherin)
Der Schöpfungsglaube, Genesis (1.Mose) 1, 27: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet ....
Wir wissen, wie es weitergeht. Mensch verhält sich nicht ebenbildlich, die Eintracht zerbricht.
Die zweite, die neutestamentliche Begründung, ist nicht so kurz zu beschreiben. Der Grundgedanke ist, daß die oben erwähnte Eintracht durch Jesu Tod und Auferstehung wieder hergestellt wurde (Rechtfertigungsglaube). Die in geistesgeschichtlicher Hinsicht wirksamte Begründung dieser erneuerten Menschenwürde gab Luther in seiner Schrift: " Von der Freiheit eines Christenmenschen".
Die Leugnung Gottes und der Geschöpflichkeit des Menschen entzieht ihm seine Definition, seine Bestimmung, seine Würde. Es kann nicht ernsthaft bestritten werden, daß die Entwicklung der Menschenrechtsideen im "Abendland" christlich, die in der "Neuen Welt" speziell protestantisch inspiriert sind. Das westliche säkulare Denken, Rationalismus, Humanismus, auch der Sozialismus sind "Kinder" des Christentums, auch wenn sich mancher dessen schämt. Als Kronzeugen aus zwei verschiedenen Jahrhunderten zitieren wir Johann Gottfried Herder und Dietrich Bonhoeffer.
Die Einzigartigkeit des Menschen bedarf, bei Leugnung Gottes, einer andersgearteten Begründung.
Es gab und gibt viele Versuche, solche Begründungen zu erfinden. Die biologistischen Versuche scheinen überwunden, von den faschistischen und kommunistischen hoffen wir es zuversichtlich.
Einen modernen Versuch, den wir den "individualistischen Ansatz" nennen, dessen wichtigste Leistung die Selbstverwirklichung ist, wollen wir vorstellen und kritisieren.