Dietrich Bonhoeffer soll hier zu zwei wesentlichen Aspekten des Themas "Würde" zitiert werden weil er in seiner "Ethik" wesentliche Teilaspekte unseres Themas besprochen hat.
Das erste Zitat begründet die moderne "Vergötterung des Menschen". Die wird zu bedenken sein, wenn es um Begründung und Interpretation von Würde geht, die sich nicht auf die Bibel berufen will
Im zweiten Zitat beschreibt Bonhoeffer einige konkrete Fälle der Verletzung von Menschenwürde. Das Zitat soll dazu anregen, Gefährdungen der Würde des Menschen aktuell zu beschreiben und zu benennen und "Würde des Menschen" nicht im Ungefähren verschwimmen zu lassen.
Zitiert aus: Dietrich Bonhoeffer, Ethik, Chr. Kaiser Verlag München, 1961
Seiten 40 bis 42
Die französische Revolution hat die neue geistige Einheit des Abendlandes geschaffen. Sie besteht in der Befreiung der Menschen als ratio, als Masse, als Volk. Im Kampf um die Befreiung gehen alle drei miteinander, nach erlangter Freiheit werden sie zu Todfeinden. Die neue Einheit trägt also bereits den Keim des Zerfalls in sich. Es zeigt sich weiterhin - und es wird darin ein Grundgesetz der Geschichte deutlich -, daß das Verlangen nach absoluter Freiheit den Menschen in die tiefste Knechtung führt. Der Herr der Maschine wird ihr Sklave, die Maschine wird der Feind der Menschen. Das Geschöpf wendet sich gegen seinen Schöpfer - seltsame Wiederholung des Sündenfalls! - Die Befreiung der Masse endet in der Schreckensherrschaft der Guillotine. Der Nationalismus führt unabweglich in den Krieg. Die Befreiung des Menschen als absolutes Ideal führt zur Selbstzerstörung des Menschen. Am Ende des Weges, der mit der französischen Revolution beschritten wurde, steht der Nihilismus.
Die neue Einheit, die die französische Revolution über Europa brachte und deren Krisis wir Heutigen erleben, ist daher die abendländische Gottlosigkeit. Sie unterscheidet sich völlig von dem Atheismus einzelner griechischer, indischer, chinesischer und abendländischer Denker. Sie ist nicht die theoretische Leugnung der Existenz eines Gottes. Sie ist vielmehr selbst Religion, und zwar Religion aus Feindschaft gegen Gott. Eben darin ist sie abendländisch. Sie kann von ihrer Vergangenheit nicht lassen, sie muß wesentlich religiös sein. Eben dies macht sie nach menschlichem Ermessen so hoffnungslos gottlos. Die abendländische Gottlosigkeit erstreckt sich von der Religion des Bolschewismus bis mitten in die christlichen Kirchen hinein.
Sie ist gerade in Deutschland, aber auch in den angelsächsischen Ländern betont christliche Gottlosigkeit. Sie wendet sich in der Gestalt aller möglichen Christentümer, ob sie nun nationalistisch, sozialistisch, rationalistisch oder mystisch seien, gegen den lebendigen Gott der Bibel, gegen Christus. Ihr Gott ist der neue Mensch, ob nun die "Fabrik des neuen Menschen" bolschewistisch oder christlich ist. Der fundamentale Unterschied zu allem Heidentum besteht darin, daß dort unter menschlicher Gestalt Götter angebetet werden, daß aber hier unter der Gestalt Gottes, ja Jesu Christi, der Mensch angebetet wird.
Die große Entdeckung Luthers von der Freiheit des Christenmenschen und die katholische Irrlehre von dem wesentlich Guten des Menschen endete gemeinsam in der Vergötterung des Menschen. Die Vergötterung des Menschen aber ist - recht verstanden - die Proklamation des Nihilismus. Mit der Zertrümmerung des biblischen Gottesglaubens und aller göttlichen Gebote und Ordnungen zerstört der Mensch sich selbst. Es entsteht ein hemmungsloser Vitalismus, der die Auflösung aller Werte in sich schließt und erst in der schließlichen Selbstzerstörung, im Nichts, Ruhe findet.
Das Abendland ist seit der französischen Revolution wesentlich kirchenfeindlich geworden. Kirchenfeindliche Ausfälle sind in modernen Demagogien besonders erfolgreich. Es gibt auf breiter Front durch ganz Europa ein starkes antikirchliches Ressentiment. ...
Zitiert aus: Dietrich Bonhoeffer, Ethik, Chr. Kaiser Verlag München, 1961
Seiten 124 bis 126
Zur Erhaltung des leiblichen Lebens gehört der Schutz vor willkürlicher Antastung der Freiheit des Leibes. Niemals wird der menschliche Leib einfach zu einem Ding, das in die uneingeschränkte Gewalt eines andern Menschen geraten und von ihm ausschließlich als Mittel zu seinen Zwecken gebraucht werden dürfte. Der lebendige menschliche Leib ist immer der Mensch selbst. ...
Vergewaltigung ist der durch unrechtmäßige Gewalt erzwungene Gebrauch eines fremden Leibes zu eigenen Zwecken, insbesondere auf geschlechtlichem Gebiet. Ihr gegenüber steht das Recht des Menschen, seinen Leib und insbesondere seine Geschlechtlichkeit in Freiheit zu geben oder zu versagen. Während der Einsatz der leiblichen Kraft zur Arbeitsleistung um des gemeinsamen Wohles willen unter besonderen Umständen auch unter Zwang gefordert werden kann, bleibt die Geschlechtlichkeit des Menschen jedem Zwang entzogen. Der Versuch, bestimmte Ehen oder geschlechtliche Verbindungen aus irgendeinem Grunde zu erzwingen, verletzt unbedingt die leibliche Freiheit des Menschen und gerät mit jener Grundtatsache des geschlechtlichen Lebens in Konflikt, die die Grenze für jeden fremden Eingriff in natürlicher Abwehr darstellt: mit dem Schamgefühl. Im natürlichen Schamgefühl drückt sich die wesentliche Freiheit des menschlichen Leibes in geschlechtlicher Hinsicht aus. Die Zerstörung des Schamgefühls aber bedeutet Auflösung jeder geschlechtlichen und ehelichen Ordnung, ja jeder gemeinschaftlichen Ordnung überhaupt. Gewiß sind die Formen des Schamgefühls verschieden und bildsam. Sein unveränderliches Wesen aber, das im Natürlichen begründet ist, ist die Wahrung der Freiheit des menschlichen Leibes gegenüber jeder Form der Vergewaltigung. Diese Freiheit hütet das Geheimnis der menschlichen Leiblichkeit.
Von Ausbeutung des menschlichen Leibes sprechen wir dort, wo die leiblichen Kräfte eines Menschen zum unbeschränkten Eigentum eines anderen Menschen oder einer Institution gemacht werden. Diesen Tatbestand nennen wir Versklavung der Menschen. ...
...(Der) Tatbestand der Sklaverei ... aber liegt dort vor, wo der Mensch tatsächlich zum Ding in der Gewalt eines anderen, wo er ausschließlich Mittel zum Zweck eines andern Menschen geworden ist. Diese Gefahr besteht immer dort, wo ein Mensch weder die Freiheit hat der Wahl seines Arbeitsplatzes, noch die Möglichkeit, seinen Arbeitsplatz mit einem anderen zu vertauschen, noch auch als Maß seiner Arbeitsleistung zu bestimmen. Hier kommt es zu einer unbeschränkten Ausnutzung der leiblichen Kräfte des Arbeiters, die höchstens die Grenze der Erhaltung des Nutzwertes der Arbeitskraft des andern, gelegentlich aber aus bestimmten Gründen selbst diese Grenze nicht einhält, und so zur völligen Erschöpfung führt. Damit wird dem Menschen seine Leibeskraft geraubt, sein Leib wird ganz zum Objekt der Ausbeutung des Stärkeren. Die Freiheit des menschlichen Leibes ist zerstört.
Die Peinigung des Leibes ist zu unterscheiden von der leiblichen Züchtigung, deren Ziel Erziehung des geistig Unmündigen zur Selbständigkeit ist, ebenso von jener vergeltenden Strafe, durch die der gemeinen Verbrechens an fremdem Leibe Schuldige durch Antastung seines Leibes seiner Ehrlosigkeit überführt werden soll. Unter Peinigung des Leibes verstehen wir die willkürliche und rohe Zufügung leiblicher Schmerzen unter Ausnutzung gegebener Machtverhältnisse im allgemeinen und insbesondere zum Zwecke der Erpressung erwünschter Geständnisse oder Aussagen. Hier wird der Leib ausschließlich als Mittel zur Erreichung fremder Zwecke, also etwa zur Befriedigung von Machtlust oder zur Erzielung bestimmter Kenntnisse mißbraucht und damit entehrt. Die Schmerzempfindlichkeit des unschuldigen Leibes wird in quälerischer Weise ausgenutzt. Ganz abgesehen davon, daß die Folterung meist ein ungeeignetes Mittel zur Aufdeckung der Wahrheit ist - was ja nur dort auf Beachtung rechnen könnte, wo die Wahrheit wirklich gesucht würde -, bedeutet jede leibliche Peinigung die tiefste Entehrung des Menschen; sie erzeugt darum einen tiefen Haß und den natürlichen leiblichen Drang, die verletzte Ehre unter Anwendung leiblicher Gewalt wiederherzustellen. Leibliche Entehrung sucht leibliche Vergeltung an dem ehrlosen Peiniger. Insofern zerstört die Verletzung der leiblichen Freiheit des Menschen auch hier die Grundlage der Gemeinschaft. ...