Bonhoeffer-Zitate zum Thema "Würde"

Im zweiten Zitat beschreibt Bonhoeffer einige konkrete Fälle der Verletzung von Menschenwürde. Das Zitat soll dazu anregen, Gefährdungen der Würde des Menschen aktuell zu beschreiben und zu benennen und "Würde des Menschen" nicht im Ungefähren verschwimmen zu lassen.

Religiöser Charakter des neuzeitlichen Atheismus

Sie ist gerade in Deutschland, aber auch in den angelsächsischen Ländern betont christliche Gottlosigkeit. Sie wendet sich in der Gestalt aller möglichen Christentümer, ob sie nun nationalistisch, sozialistisch, rationalistisch oder mystisch seien, gegen den lebendigen Gott der Bibel, gegen Christus. Ihr Gott ist der neue Mensch, ob nun die "Fabrik des neuen Menschen" bolschewistisch oder christlich ist. Der fundamentale Unterschied zu allem Heidentum besteht darin, daß dort unter menschlicher Gestalt Götter angebetet werden, daß aber hier unter der Gestalt Gottes, ja Jesu Christi, der Mensch angebetet wird.

Die große Entdeckung Luthers von der Freiheit des Christenmenschen und die katholische Irrlehre von dem wesentlich Guten des Menschen endete gemeinsam in der Vergötterung des Menschen. Die Vergötterung des Menschen aber ist - recht verstanden - die Proklamation des Nihilismus. Mit der Zertrümmerung des biblischen Gottesglaubens und aller göttlichen Gebote und Ordnungen zerstört der Mensch sich selbst. Es entsteht ein hemmungsloser Vitalismus, der die Auflösung aller Werte in sich schließt und erst in der schließlichen Selbstzerstörung, im Nichts, Ruhe findet.

Das Abendland ist seit der französischen Revolution wesentlich kirchenfeindlich geworden. Kirchenfeindliche Ausfälle sind in modernen Demagogien besonders erfolgreich. Es gibt auf breiter Front durch ganz Europa ein starkes antikirchliches Ressentiment. ...

Freiheit des leiblichen Lebens

...(Der) Tatbestand der Sklaverei ... aber liegt dort vor, wo der Mensch tatsächlich zum Ding in der Gewalt eines anderen, wo er ausschließlich Mittel zum Zweck eines andern Menschen geworden ist. Diese Gefahr besteht immer dort, wo ein Mensch weder die Freiheit hat der Wahl seines Arbeitsplatzes, noch die Möglichkeit, seinen Arbeitsplatz mit einem anderen zu vertauschen, noch auch als Maß seiner Arbeitsleistung zu bestimmen. Hier kommt es zu einer unbeschränkten Ausnutzung der leiblichen Kräfte des Arbeiters, die höchstens die Grenze der Erhaltung des Nutzwertes der Arbeitskraft des andern, gelegentlich aber aus bestimmten Gründen selbst diese Grenze nicht einhält, und so zur völligen Erschöpfung führt. Damit wird dem Menschen seine Leibeskraft geraubt, sein Leib wird ganz zum Objekt der Ausbeutung des Stärkeren. Die Freiheit des menschlichen Leibes ist zerstört.

Die Peinigung des Leibes ist zu unterscheiden von der leiblichen Züchtigung, deren Ziel Erziehung des geistig Unmündigen zur Selbständigkeit ist, ebenso von jener vergeltenden Strafe, durch die der gemeinen Verbrechens an fremdem Leibe Schuldige durch Antastung seines Leibes seiner Ehrlosigkeit überführt werden soll. Unter Peinigung des Leibes verstehen wir die willkürliche und rohe Zufügung leiblicher Schmerzen unter Ausnutzung gegebener Machtverhältnisse im allgemeinen und insbesondere zum Zwecke der Erpressung erwünschter Geständnisse oder Aussagen. Hier wird der Leib ausschließlich als Mittel zur Erreichung fremder Zwecke, also etwa zur Befriedigung von Machtlust oder zur Erzielung bestimmter Kenntnisse mißbraucht und damit entehrt. Die Schmerzempfindlichkeit des unschuldigen Leibes wird in quälerischer Weise ausgenutzt. Ganz abgesehen davon, daß die Folterung meist ein ungeeignetes Mittel zur Aufdeckung der Wahrheit ist - was ja nur dort auf Beachtung rechnen könnte, wo die Wahrheit wirklich gesucht würde -, bedeutet jede leibliche Peinigung die tiefste Entehrung des Menschen; sie erzeugt darum einen tiefen Haß und den natürlichen leiblichen Drang, die verletzte Ehre unter Anwendung leiblicher Gewalt wiederherzustellen. Leibliche Entehrung sucht leibliche Vergeltung an dem ehrlosen Peiniger. Insofern zerstört die Verletzung der leiblichen Freiheit des Menschen auch hier die Grundlage der Gemeinschaft. ...

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© Pfarramt Ahrenshagen, 15.07.2004
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