| Restauratorisches Gutachten | |
| 3. Auswertung der laborchemischen Mörtelanalysen im Hinblick auf die Entwicklung eines geeigneten Reparaturmörtels (Rezeptur und Verarbeitung) Im Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden wurden ausgewählte Proben des ältesten, historischen Bestandes an Mörteln und Putzen hinsichtlich ihrer qualitativen und quantitativen Zusammensetzung untersucht. Die Komgrößenverteilung ist bei den einzelnen verschiedenen Mörtelphasen deutlich zu unterscheiden. Der Bindemittelgehalt, d. h. Anteil an Kalkhydrat und die Verteilung der Zuschläge innerhalb des Mörtels ist ausschlaggebend für die Eigenschaften. Aufgrund der verschiedenen Bau- und Reparaturphasen zeichnen sich folgende Besonderheiten des untersuchten Probenmaterials ab (siehe dazu auch Laborberichte unter 6. Anlagen).
| Während der ältere Mörtel, der auch als Setzmörtel identifiziert werden kann, ca. ein Viertel des Gesamtvolumens an Bindemittel (Kalkhydrat) besitzt, ist die zweite Mörtelphase wesentlich fetter mit einem Bindemittelanteil bis zu einem Drittel. Hieraus lassen sich auch die Schlüsse über die so unterschiedliche Festigkeit ziehen. Außerdem wurde dem Fugenmörtel der 2. Bauphase an der Kirche eine relevante Menge an Proteinen (vermutlich Kasein) zugesetzt, was erheblichen Einfluss auf die Klebkraft des Mörtels sowie auf sein Quellverhalten hat. In der ersten Bauphase wurde auf die Zugabe von Proteinen verzichtet. Wie bei den durch restauratorische Gesichtpunkte charakterisierten Mörtelproben deckt sich der Laborbericht in der Erkenntnis, dass der ursprüngliche Mörtel wesentlich geschwächter ist, als der 2. Mörtel mit den Veränderungen an der Südseite und dem Auftrag von Farbigkeit an den Ostfenstern im Chor. Hier können die strukturauflösenden Absandungen eindeutig auf einen erhöhten Gehalt an Nitraten zurückgeführt werden. Diese Nitrate sind auch die einzigen Salzionen am Chor, denen im Zuge der Mauerwerkssanierung Bedeutung beigemessen werden müssen. Es ist zudem eindeutig, dass die Nitrate sich in dem poröseren, offeneren Material abgelagert haben und die anderen Mörtel weitgehend vernachlässigbare Salzkonzentrationen aufweisen. Diese Konzentrationsverteilung lässt auch für den Innenbereich der Kirche Rückschlüsse zu über die zu erwartenden Schäden. Es ist ein für die überkommene Substanz in Tribohm sehr erfreulicher Umstand, dass es sich hier um keine erhöhten Belastungen durch schwerlösliche Salze handelt, was in bezug auf die Reparaturen der Verfügung eine langfristige Haltbarkeit des gesamten Mörtelbestandes ermöglicht. |
| Für die Entwicklung eines geeigneten Reparaturmörtels an der Kirche ist es notwendig, in bezug auf vorhandene Salze (Nitrate) mit einem porösen, diffusionsfähigen Mörtel zu arbeiten, der einen Transport der Salze und ein ungehindertes Wandern der Ionen (auch Kristallisieren) ermöglicht, so dass es nicht zum Stau der Salze kommen kann mit den damit verbundenen Schäden in der Verfugung. Hierzu eignet sich nur ein Luftmörtel mit Kalkhydrat als Bindemittel, wobei es darauf ankommt, dass es sich um einen hochwertigen Sumpfkalk handelt. Hier wird daher ein 6jähriger Grubenkalk vorgeschlagen. Als Zuschläge für den Reparaturmörtel wird ein gewaschener Flusssand (zur Ausschließung vorhandener Salze und Schadensursachen) mit einer Körnung von 0-5 mm empfohlen, der in etwa der ermittelten Korngrößenverteilung der untersuchten wesentlichen Mörtel entspricht (Mittelalter, Reparaturphasen). Die prozentuale Verteilung der einzelnen Korndurchmesser sollte folgenden Richtwerten entsprechen: 0-0,071mm - 2% als Rundkorn, 0,071mm - 3,3% als Rundkorn, 0,lmm - 21% als Rundkorn, 0,25mm - 32% als Rundkorn, 0,5mm - 15% als Rundkon, 1mm - 10% als Rund- und Brechkorn, 2mm - 6% als Brechkorn, 4mm - 2% als Brechkorn, 5mm- 2,1 % als Brechkorn.
| Dieser Sand entspricht einer heterogenen Mörtelmatrix, die in der Druckfestigkeit einen Mittelwert der hier vorhandenen Mörtel erzeugen soll und die in Verbindung mit weiteren Zuschlagstoffen steht. In der Zusammensetzung für den Reparaturmörtel empfiehlt sich außerdem die Mitverwendung des Trockenbaustoffes BALTUS Muschelkalk Unterputz, der hydraulisch wirkende, gemahlene Muscheln enthält, die für einen Reparaturmörtel und dessen Abbindeverhalten von großer Wichtigkeit sind. Die physikalischen und chemischen Eigenschaften und Zuschläge für den BALTUS-Muschelkalk sind bestinunt und somit ein fester, bekannter Richtwert für seine Verwendung. Die Körnung des Unterputzes übersteigt außerdem nicht den Korndurchmesser von 5mm. Durch Mischung von Kalk und dem entsprechenden Sand unter Zugabe des Muschelkalk-Unterputzes kann für die Mörtelreparaturen am Objekt ein individueller Reparaturmörtel verwendet werden, der zum Erhalt des historischen Bestandes geeignet ist, ohne als feste Plombe zu wirken und gleichzeitig eine haltbare Reparatur und Ergänzung von Fehlstellen im Mauerwerk darstellt. Dieser Mörtel gewährleistet zudem eine vollständig diffusionsfähige, offenporige Oberfläche und Matrix in bezug auf das Wanderungsverhalten von löslichen Salzen. Wesentlich für die Qualität des Mörtels ist hierbei jedoch die Verarbeitung. Bei den Arbeiten zur Neuverfugung und Reparatur sollte ein Restaurator als Baubegleitung hinzu gezogen werden. |
| Rezeptur für den zu verwendenden Mörtel: 3 RT (Raumteile) gewaschener Sand: ca. 0-0,071mm - 2% als Rundkom, 0,071mm - 3,3% als Rundkorn, 0,1mm - 21% als Rundkorn, 0,25mm - 32% als Rundkorn, 0,5mm - 15% als Rundkorn, 1mm - 10% als Rund- und Brechkorn, 2mm - 6% als Brechkorn, 4mm - 2% als Brechkorn, 5mm - 2,1% als Brechkorn; Die Sieblinie sollte sich den angeführten Korngrößen annähern, es wird von einer idealen Sieblinie augegangen, die sicher nicht vollständig eingehalten werden kann. | Der Bindemittelgehalt der gesamten Reparaturmörtelmischung entspricht in etwa 28% und ist somit ein Mittel zwischen den relevanten Mörtelgruppen und durch die angegebene Körnung geringfügig poröser und weicher als der originale mittelalterliche Mörtelbestand. Zur handwerklichen Ausführung: |
| Zur technologischen Umsetzung der Neuverfugung werden die einzelnen Arbeitsschritte im Folgenden aufgeführt: 1. Entfernen der zementhaltigen und extrem losen älteren Putzbereiche. Die zu belassenen Putzbereiche beziehen sich auf den gesamten Bestand bis incl. 5. Mörtelphase. Hierbei muss bei der Entfernung bestimmter Bereiche lediglich eine konservatorische Feilegung vorgenornmen werden, wo nicht haltbare Partien schonend entfernt werden, intakte Bereiche aber unbedingt belassen werden. 2. Vorreinigung des Mauerwerkes mit weichem Handfeger. Trockene Reinigung des Mauerwerkes mit einem Kompressor mit Luftdüse bei geringem Druck, um keine Beschädigungen an intakter Verfugung und Fassungsfragmenten zu verursachen. Möglicherweise erfordert die "sensible" Bearbeitung des Mauerwerksbestandes eine Reinigung unter Luftstrahl in zwei Arbeitsgängen. Diese Arbeitsgänge müssen unter der Kontrolle bzw. Betreuung erfolgen. 3. Wässern des Mauerwerkes durch Fluten des Mauerwerkes mit einem Kärcher. Für das Fluten kann zudem Kalk-Sinterwasser oder eine Kalkmilch verwendet werden, das gleichzeitig eine strukturverfestigende Komponente ist und einen idealen Untergrund ffir die Karbonatisierung des aufzubringenden Kalkputz darstellt. 4. Zweites Fluten der Fassade als unmittelbare und notwendige Vorbereitung zum Neuverputz bzw. Bewurf mit Kalkputz. Die Punkte Nummer 5 und 6 fehlen im Gutachten.
| 7. Antragen/Bewurf mit Kalkmörtel als Verfugungsmörtel. Dabei ist unbedingt darauf zu achten, dass der Mörtel der beim Bewurf a) von der Kelle "rutscht" oder b) nicht an der Wand haftet nicht mehr bzw. zusätzlich verwendet wird. Bei tiefen Auswaschungen des Mauerwerkes muss der Mörtel in mehreren Arbeitsgängen ein- und aufgebracht werden. Es empfiehlt sich eine gute Vorbereitung der besonders gefährdeten Bereiche. Für eine Mischung des Kalkmörtels mit den Produkten der Fa. Baltus Muschelkalk muss beachtet werden, dass der Mischung nicht mehr Wasser zugesetzt wird, als auf der mitgelieferten Anwendungsbeschreibung für Muschelkalk angegeben ist. Der Mörtel darf nicht mit einem Fallwäscher, sondern nur mit Rührwerk gemischt werden, solange bis er eine "cremig, buttrige" Konsistenz erreicht hat. Intakte Verfugungen bedürfen nicht unbedingt einen Überzug mit Mörtel, die Bereiche sind vor Ort mit den Entscheidungsträgern abzustimmen. 8. Unmittelbar nach dem Bewurf und dem ersten "Anziehen" des Putzes erfolgt das FILZEN des Putzes als Glättung. Die ausführenden Handwerker müssen dazu Gummihandschuhe tragen, denn sie kommen mit dem stark alkalischen Kalkputz beim Filzen in direkte Berührung. 9. Nach Erreichen der Druckfestigkeit des Mörtels sollte unbedingt erneut gewässert werden. Hierbei muss ein zu schnelles Abbinden des Mörtels ("Verbrennen") ausgeschlossen werden. Je länger die Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk an den Mörtel abgegeben werden kann und das Abbinden verzögert, desto besser wird die Qualität des Materials. |
© Pfarramt Ahrenshagen, 30.11.2002 | |