Was reizt, bei Kirche mitzumachen?

Eigentlich sind nicht nur in diesen Tagen die Kirchentüren offen und die Tore weit. Dennoch bleiben die Menschen in Ostdeutschland eher davor. Dr. Reinhard Kähler, Dozent am Brandenburger Predigerseminar, hat sich Gedanken gemacht, wie sich daran etwas ändern kann.

Wenn hier etwa grüner Text auftaucht, dann ist der vom Webmaster als Verständnishilfe eingefügt worden.


Also wie sollen sie das lernen? Indem ich ihnen etwas dazu erzählen kann, wenn sie fragen. "Wenn dein Kind dich fragt", heißt es in der Bibel. Wenn aber nicht? Dann musst du warten, bis es so weit ist, habe ich in der Pädagogik gelernt. Aber das heißt nicht: Nichts zu tun. Während wir warten, können wir durchaus schon aktiv sein. Genaugenommen reden wir doch sowieso ständig mit Leuten. Wenn wir uns über irgend jemanden aufregen. Wenn wir etwas von unseren Sorgen erzählen, oder von denen anderer hören. Wenn wir davon sprechen, was wir mit den Kindern erlebt haben. Wenn wir sagen, worüber wir uns heimlich freuen, oder wenn wir uns gegenseitig Mut machen: "es wird schon werden". Da könnten wir doch bei Gelegenheit etwas davon blicken lassen, wie schön für uns dieser Taufgottesdienst oder jene Trauung und die Beerdigung neulich waren. Ja, selbst die Beerdigung - keine Angst, da wirst du nicht ideologisch vereinnahmt, das tröstet aber wirklich und führt tatsächlich weiter, ja da kommt eine tragende Kraft für uns alle rüber. Und wir könnten doch bei dieser Gelegenheit sagen, dass wir etwas mit ins Gebet nehmen - Gott sei Dank, Gott sei's geklagt, und, Gott was soll ich da machen? Gott, kümmre auch du dich da!

Das machen wir, bis sie fragen. Und als Christengemeinde machen wir noch mehr: Wir tauchen auf beim Dorffest, wir bieten ein Konzert in der Kirche, wir sind diakonisch tätig, alles gar nicht so selbstverständlich und gerade darum regen sich dazu vielleicht Fragen, warum wir das machen und wozu wir den Bezug auf Gott brauchen.

All das wird aktiviert, wenn ich selber eine besonders intensive Erfahrung mit dem christlichen Glauben gemacht habe. Dann wächst auch das Bedürfnis, an dieser Erfahrung andere Anteil nehmen zu lassen.

All das kann aber auch aktiviert werden, wenn es für einen selbst zwar so gewöhnlich war, aber angesichts einer sinkenden Akzeptanz in der Umgebung (die sich in der Erfahrung widerspiegelt: wir werden weniger) in Frage gestellt ist. Dann ist dran, zu betrauern, dass andere diese Werte nicht teilen und an diesen Erfahrungen nicht interessiert sind. Gerade dieses Trauernkann vor Resignation bewahren und einer trotzigen Festungsmentalität oder Außenaggression vorbeugen. Dann kann ich auch in ein Gespräch hineingehen, in dem um Wertschätzungen und deren Begründungen und Folgen gerungen wird.

Ich muss aber auch fragen, was gibt's denn für Erfahrungen, die Zeitgenossen hierzulande am christlichen Glauben so anregend finden können, dass sie sich dafür interessieren?

Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erfahrungsgemäß kann folgendes anregend sein: Wenn Menschen ohnehin auf der Suche sind, eine Gemeinschaft zu finden, in der sie sich angenommen und aufgehoben fühlen. Wenn Menschen eine Feier oder etwa ein besonderes Ereignis erleben, die sie emotional ansprechen und existentiell weiter bringen, und wenn sie das in eine rituelle Form ihres Lebens aufnehmen. Wenn Menschen von einer seelsorglichen Erfahrung oder dem Wissen um ein soziales Engagement beeindruckt sind und deren christlichen Begründungsrahmen für sich übernehmen. Wenn Menschen Interesse haben, die familiäre Tradition, zur Kirche zu gehören, wieder aufzunehmen. Wenn Menschen Interesse haben, sich selbst auf den Boden einer christlichen Kultur zu stellen.

Potentielle Teilnehmer an den kirchlichen Vollzügen folgen nicht den zur eigenen Identifikation dienenden Bedürfnissen einer Bekenntnisgemeinschaft oder der Logik einer das Heilsgut verwaltenden Institution.

Neuchristen nehmen am geistlichen Leben der Gemeinde teil, ohne zu verstehen, was da geschieht.

Sie nehmen an einer kirchlichen Gruppe, am Kirchentag oder an einem Gottesdienst teil, weil sie darauf neugierig sind bzw. weil diese Ereignisse dem Erleben genug bieten, so dass es sich für sie "lohnt". Die meisten Leute gehen nicht ideologisch ran, sondern wählen das aus, was ihnen gefällt, d.h. Erfolg verspricht.

Erwachsene, die heutzutage selber ihr Lebenskonzept verändern, verändern es in der Regel nur im Kontext einer starken Krise sprunghaft so, dass sie in ein anderes Sinnsystem hineinspringen. Im Übrigen vollziehen sich viele Erprobungsphasen wie ein Flickenteppich. Dabei könnten die Bedeutungs-Vorschläge, die aus der christlichen Tradition kommen, so angenommen werden: "Ich könnte ja mal probieren, ob ich damit besser mit meinem Leben zurecht komme" oder "Ich könnte ja mal probieren, ob sich damit die Möglichkeiten zu leben erweitern".

Das setzte voraus, innerlich und institutionell zu akzeptieren, dass Menschen nicht eine Entscheidung "fürs ganze Leben" fällen wollen, sich auch nicht ganz als Kirchenmitglied verstehen, aber partiell teilnehmen wollen.

Ich finde, es gibt auch eine Möglichkeit, partielle Teilnahme als sinnvoll anzunehmen und Probe-Teilnahmen geradezu zu fördern. Man könnte sagen: Für den Glauben ist es wesentlich, den Ruf des Evangeliums zu hören, während die Erfahrungen mit Gemeinden durchwachsen sind. Andererseits verleiblicht sich der lebendige christliche Glauben in der Bewegung der Kirche. Um das kennen zu lernen und nicht nur darüber zu hören, braucht es mehr als Religionsunterricht und Glaubensseminare. Es braucht Möglichkeiten, aktiv teilzunehmen. Das ist der Boden, in dem der Same des Glaubens wachsen kann.

Der Autor Reinhard Kähler ist Dozent am Predigerseminar in Brandenburg

Reinhard Kähler

Ausführlicher denkt Kähler in seinem Buch "Keimzeit", das im Wichernverlag erschienen ist, über Bedingungen der Mission in Ostdeutschland nach.

Foto: Privat
© Pfarramt Ahrenshagen, 15.12.2004

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