Eigentlich sind nicht nur in diesen Tagen die Kirchentüren offen und die Tore weit. Dennoch bleiben die Menschen in Ostdeutschland eher davor. Dr. Reinhard Kähler, Dozent am Brandenburger Predigerseminar, hat sich Gedanken gemacht, wie sich daran etwas ändern kann.
Wenn hier etwa grüner Text auftaucht, dann ist der vom Webmaster als Verständnishilfe eingefügt worden.
Was würde Ihnen fehlen, wenn die Kirche allmählich verschwände? Vielleicht sagen Sie: Das kann doch gar nicht sein. Gott wird schon dafür sorgen, dass seine Kirche bleibt.
Aber ein Fakt ist zunächst einmal, dass immer weniger dazu gehören. Und wie viele andere leide ich auch daran, dass sich nicht mehr Menschen in der Kirche engagieren. Dass es den Zusammenhalt wie früher nicht mehr gibt. Aber die Menschen haben ganz allgemein keine Zeit mehr füreinander. Sie beten nicht mehr, jedenfalls nicht mehr miteinander. So können das auch die Kinder gar nicht mehr kennen lernen. Und es ist noch mehr als das. Wie sollen sie denn lernen, dass es nicht egal ist, ob da ein Russlanddeutscher mal einen Kinnhaken kriegt, auch wenn viele nur grinsen? Wie sollen sie denn lernen, dass es nicht egal ist, wenn andere arbeitslos werden, auch wenn ich ein sicheres Auskommen habe? Wie sollen sie denn lernen, dass uns da noch die unsichtbare Instanz, Gott, auf solche Verantwortung anspricht, auch wenn uns sonst niemand belangt? Wie sollen sie denn lernen, dass wir uns bei allem, was wir uns wünschen, und allem, was uns bedroht, an Gott wenden können? Wie sollen sie denn lernen, was da schon gelaufen ist mit Gott. Und dass da neben allem möglichem Missbrauch mit dem Gottesglauben der Glaube an Gottes Zusagen vielen Menschen geholfen hat zu merken: Ich bin für Gott ganz wichtig. Darum achte ich auf mich und wie ich mit anderen umgehe. Er verstößt mich nicht, auch wenn ich selbst manchmal so verzagt bin oder so viel vermassle, gerade auch in meinem Verhalten gegenüber anderen.
Also wie sollen sie das lernen? Indem ich ihnen etwas dazu erzählen kann, wenn sie fragen. "Wenn dein Kind dich fragt", heißt es in der Bibel. Wenn aber nicht? Dann musst du warten, bis es so weit ist, habe ich in der Pädagogik gelernt. Aber das heißt nicht: Nichts zu tun. Während wir warten, können wir durchaus schon aktiv sein. Genaugenommen reden wir doch sowieso ständig mit Leuten. Wenn wir uns über irgend jemanden aufregen. Wenn wir etwas von unseren Sorgen erzählen, oder von denen anderer hören. Wenn wir davon sprechen, was wir mit den Kindern erlebt haben. Wenn wir sagen, worüber wir uns heimlich freuen, oder wenn wir uns gegenseitig Mut machen: "es wird schon werden". Da könnten wir doch bei Gelegenheit etwas davon blicken lassen, wie schön für uns dieser Taufgottesdienst oder jene Trauung und die Beerdigung neulich waren. Ja, selbst die Beerdigung - keine Angst, da wirst du nicht ideologisch vereinnahmt, das tröstet aber wirklich und führt tatsächlich weiter, ja da kommt eine tragende Kraft für uns alle rüber. Und wir könnten doch bei dieser Gelegenheit sagen, dass wir etwas mit ins Gebet nehmen - Gott sei Dank, Gott sei's geklagt, und, Gott was soll ich da machen? Gott, kümmre auch du dich da!
Das machen wir, bis sie fragen. Und als Christengemeinde machen wir noch mehr: Wir tauchen auf beim Dorffest, wir bieten ein Konzert in der Kirche, wir sind diakonisch tätig, alles gar nicht so selbstverständlich und gerade darum regen sich dazu vielleicht Fragen, warum wir das machen und wozu wir den Bezug auf Gott brauchen.
Aber ich muss bei alledem etwas beachten. Wenn ich will, dass Leute, die die Kirche nicht kennen und keine Ahnung vom christlichen Glauben haben, anfangen, sich dafür zu interessieren, dann muss ich sie als Persönlichkeiten ernst nehmen. Als welche, die nicht nur fremd bestimmt werden. Ich will sie nicht überreden, nicht zu etwas bewegen, was sie selbst nicht wollen. Denn ich würde selbst auch nicht wollen, dass das jemand mit mir macht Aber vielleicht kann ich mich so bewegen, dass sie sich dafür interessieren und sich frei dazu verhalten können.
Aber was machen eigentlich Christenmenschen, so dass ihr Glaube für andere interessant werden könnte? Sie zeigen; wie sie mit Enttäuschungen umgehen, mit Konflikten, mit Krankheit und Tod, mit den kleinen schönen Endiveckungen, mit Anteilnahme, mit Blumen und Früchten. Sie pflegen Rituale, die nicht nur aus ihnen selber leben. Davon, was sie organisieren und veranstalten, sondern in denen sie in Kontakt gebracht werden mit der großen Wirklichkeit, die alles umfängt.
Sie sind aufmerksam darauf, wie sie das Vertrauen zu Gott pflegen, indem sie zu ihm beten, und lassen an diesem Element ihres Lebensstils andere Anteil nehmen. Sie finden in christlichen Traditionen immer wieder etwas, was sie über manche Einbrüche und Befürchtungen im Leben hinausführt und ihr Vertrauen nicht nur an das hängt, was Fakt ist, und ihre Hoffnung ausrichtet und stärkt. So können andere sehen, welchen Anspruch sie an ein würdiges Leben habenund wieihre Hoffnung über die täglichen Erfahrungen hinaus reicht. Für manche ist es bedeutsam, dass sie Gemeinschaft und Solidarität unter Christen erleben. Für manche ist es bedeutsam, dass ihr Glauben repräsentiert wird in öffentlichen Symbolen und Räumen (hier: den Kirchen).
All das wird aktiviert, wenn ich selber eine besonders intensive Erfahrung mit dem christlichen Glauben gemacht habe. Dann wächst auch das Bedürfnis, an dieser Erfahrung andere Anteil nehmen zu lassen.
All das kann aber auch aktiviert werden, wenn es für einen selbst zwar so gewöhnlich war, aber angesichts einer sinkenden Akzeptanz in der Umgebung (die sich in der Erfahrung widerspiegelt: wir werden weniger) in Frage gestellt ist. Dann ist dran, zu betrauern, dass andere diese Werte nicht teilen und an diesen Erfahrungen nicht interessiert sind. Gerade dieses Trauernkann vor Resignation bewahren und einer trotzigen Festungsmentalität oder Außenaggression vorbeugen. Dann kann ich auch in ein Gespräch hineingehen, in dem um Wertschätzungen und deren Begründungen und Folgen gerungen wird.
Ich muss aber auch fragen, was gibt's denn für Erfahrungen, die Zeitgenossen hierzulande am christlichen Glauben so anregend finden können, dass sie sich dafür interessieren?
Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Erfahrungsgemäß kann folgendes anregend sein: Wenn Menschen ohnehin auf der Suche sind, eine Gemeinschaft zu finden, in der sie sich angenommen und aufgehoben fühlen. Wenn Menschen eine Feier oder etwa ein besonderes Ereignis erleben, die sie emotional ansprechen und existentiell weiter bringen, und wenn sie das in eine rituelle Form ihres Lebens aufnehmen. Wenn Menschen von einer seelsorglichen Erfahrung oder dem Wissen um ein soziales Engagement beeindruckt sind und deren christlichen Begründungsrahmen für sich übernehmen. Wenn Menschen Interesse haben, die familiäre Tradition, zur Kirche zu gehören, wieder aufzunehmen. Wenn Menschen Interesse haben, sich selbst auf den Boden einer christlichen Kultur zu stellen.
In bester Absicht wollen manche Christen nun aber andere dazu drängen, sich zu entscheiden für eine andere Lebenshaltung: für die Lebenshaltung des christlichen Glaubens, der Hoffnung auf den Gott Jesu Christi und der entsprechenden Fähigkeit zu lieben. Ich meine: So etwas kann nur wachsen. Ein direktiver Aufruf ist eher ein Übergriff als dass er den Boden bereitet für die Möglichkeit, dass da ein Same wachsen kann. Und wenn wir den Boden bereiten, in dem wir in der Umgebung die Freiheit zu glauben, zu hoffen und zu lieben ausstrahlen, dann ist es Gottes Sache, zu seiner Zeit Glauben zu wecken.
Klar, Glauben bleibt ein Wagnis und lässt sich nicht erst absichern. Aber es ist fraglich, für wen es verlockend ist, in die Kirche einzutreten, wenn der Eindruck entsteht, ich werde da für etwas geworben und bin nicht um meiner selbst willen interessant. Die Botschaft von der Verbindung, die Gott mit den Menschen aufgenommen hat, braucht die Freiheit, sich dazu zu verhalten. Diese Freiheit ist auch die Bedingung dafür, dass Verantwortung und nicht etwa Anpassungsverhalten wachsen kann. Zu dieser Freiheit gehört, ausprobieren zu können, Vorschläge anzunehmen, um auszuprobieren mit "dieser Hypothese Glauben zu leben". Dazu gehört auch, einzuladen: probier doch mal, etwas mit der Kirche zu machen! So etwas sollte nicht gleich mit der Kritik an Unverbindlichkeit erschlagen werden. Dann darf aber nicht der Eintritt als das entscheidende Datum kommuniziert werden. Umso gegründeter kann sich die Situation einstellen, in der gefragt wird "was hindert's, dass ich mich taufen lasse?" (Apg. 8,36) Erwachsene, die nicht durch Familiensozialisation Christ wurden, sondern neu in Kontakt mit der Kirche kommen, können in ihrem Zugehörigkeitsgefühl irgendwann so weit sein, dass sie sich genau diese Frage stellen. Das geschieht dann oft in dem Sinne: "Ich habe Zutrauen gewonnen, von Gott gehört zu werden, und ich halte etwas von dem Ritual, in dem mir die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zugesprochen wird." Schwer ist es aber für viele mit einer Entscheidung, Verbindlichkeiten fürs ganze Leben einzugehen. Da braucht es zunächst einen nicht planbaren Zeitraum von Gesprächs- und Erlebniskontakten, ja auch von Teilnahmemöglichkeiten.
Potentielle Teilnehmer an den kirchlichen Vollzügen folgen nicht den zur eigenen Identifikation dienenden Bedürfnissen einer Bekenntnisgemeinschaft oder der Logik einer das Heilsgut verwaltenden Institution. | Neuchristen nehmen am geistlichen Leben der Gemeinde teil, ohne zu verstehen, was da geschieht. |
Sie nehmen an einer kirchlichen Gruppe, am Kirchentag oder an einem Gottesdienst teil, weil sie darauf neugierig sind bzw. weil diese Ereignisse dem Erleben genug bieten, so dass es sich für sie "lohnt". Die meisten Leute gehen nicht ideologisch ran, sondern wählen das aus, was ihnen gefällt, d.h. Erfolg verspricht.
Erwachsene, die heutzutage selber ihr Lebenskonzept verändern, verändern es in der Regel nur im Kontext einer starken Krise sprunghaft so, dass sie in ein anderes Sinnsystem hineinspringen. Im Übrigen vollziehen sich viele Erprobungsphasen wie ein Flickenteppich. Dabei könnten die Bedeutungs-Vorschläge, die aus der christlichen Tradition kommen, so angenommen werden: "Ich könnte ja mal probieren, ob ich damit besser mit meinem Leben zurecht komme" oder "Ich könnte ja mal probieren, ob sich damit die Möglichkeiten zu leben erweitern".
Das setzte voraus, innerlich und institutionell zu akzeptieren, dass Menschen nicht eine Entscheidung "fürs ganze Leben" fällen wollen, sich auch nicht ganz als Kirchenmitglied verstehen, aber partiell teilnehmen wollen.
Ich finde, es gibt auch eine Möglichkeit, partielle Teilnahme als sinnvoll anzunehmen und Probe-Teilnahmen geradezu zu fördern. Man könnte sagen: Für den Glauben ist es wesentlich, den Ruf des Evangeliums zu hören, während die Erfahrungen mit Gemeinden durchwachsen sind. Andererseits verleiblicht sich der lebendige christliche Glauben in der Bewegung der Kirche. Um das kennen zu lernen und nicht nur darüber zu hören, braucht es mehr als Religionsunterricht und Glaubensseminare. Es braucht Möglichkeiten, aktiv teilzunehmen. Das ist der Boden, in dem der Same des Glaubens wachsen kann.
Das gilt um so mehr, als die Kirche bei allen Anreizen, die sie schaffen mag, um ihr beizutreten - denen, die ihr potentiell beitreten, etwas anbietet, was diese nicht überprüfen können: Es ist keine Ware, die sofort nach ihrem Nutzen zu beurteilen ist, es ist nicht mal einfach ein Erfahrungsgut, das alsbald den Gütertausch rechtfertigt, so dass der Preis des Beitritts sich "bezahlt" macht. Die Zeichen des Wortes Gottes, die angeboten werden, sind Vertrauensgüter. Sie können nur im Glauben angenommen werden. Sie engagiert aufzunehmen, geschieht auf Hoffnung. Da braucht es vertrauensbildende Schritte. Da müssen Möglichkeiten geboten werden, Vertrauen zu fassen. Da sollte nicht erwartet werden, dass Menschen mit ihrem Lebenskonzept, weil es nun in einen ausdrücklichen Bezug zu Gott gestellt werden soll, ohne Probeschritte springen.
Zunächst ist also zu fragen, was denn Menschen einen Anreiz geben kann, irgendwo bei Kirche mitzumachen. Und dann: Wie können wir sympathisierenden, teilnehmenden und mitwirkenden Konfessionslosen ein gutes Gefühl der Zugehörigkeit ohne Nötigung ermöglichen?
Der Autor Reinhard Kähler ist Dozent am Predigerseminar in Brandenburg

Ausführlicher denkt Kähler in seinem Buch "Keimzeit", das im Wichernverlag erschienen ist, über Bedingungen der Mission in Ostdeutschland nach.
Foto: Privat