Am 8. Mai 1945 ging der zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Seine Zerstörungen traten vielen Menschen erst zu diesem Zeitpunkt in ihrem ganzen Ausmaß vor Augen: mehr als 40 Millionen Tote, verwüstete Dörfer und Städte in den vom Krieg betroffenen Ländern, vor allem in der Sowjetunion, in Polen, in Frankreich und in Deutschland. Die erschreckenden Berichte über das, was in den Konzentrationslagern und in den besetzten Ländern im Namen der Deutschen geschehen war, zeigten jetzt unausweichlich jedem, welch verbrecherisches Regime in Deutschland diesen Krieg ausgelöst und unbarmherzig zu Ende geführt hatte. Entsetzt stand die Welt vor dem Judenmord.
Unter dem Wort Gottes erfuhren viele Christen als Gericht Gottes, was jetzt geschah: Deutschland wurde in Besatzungszonen geteilt. Ungezählte Soldaten gingen den Weg in die Gefangenschaft. Viele Flüchtlinge konnten nicht in ihre Heimat zurückkehren. Viele mußten erst jetzt die Heimat verlassen. Wer überlebte, hatte Jahre des Hungers vor sich. Manchen traf bittere Erniedrigung. Unterschiedlich nahmen die betroffenen Menschen das Geschehen auf. Für die einen war es der Zusammenbruch. Viele andere erfuhren es als Befreiung. Für die meisten war es beides zugleich.
Viele Fragen bedrängten die Menschen: Wie werden wir mit der Schuld der Vergangenheit fertig? Wie können wir dabei mitarbeiten, die Wunden des Krieges zu heilen? Wie können wir dazu helfen, daß nach allem Greuel und demdadurch entfachten Haß Wege der Versöhnung zwischen den Völkern Europas gebaut werden? Wo finden wir Orientierung?
Aus der Betroffenheit über die abgrundtiefe Schuld wuchs im Hören auf Gottes Verheißung der Dank für das eigene Überleben in der Hölle der Vernichtung und die Gewißheit, das Leben von Gott neu geschenkt erhalten zu haben. Wenige Monate nach dem Kriegsende trafen sich in Stuttgart Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland mit Repräsentanten der Ökumene und erklärten: "Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft des Leidens wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Ernst sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über die Völker und Länder gebracht worden." Heute, 40 Jahre nach dem Kriegsende, bezeugen wir mit großer Dankbarkeit: Gott hat aus dem Bekenntnis unserer Schuld neue Gemeinschaft zwischen Christen und zwischen christlichen Kirchen wachsen lassen. Staunend haben wir Zeichen der Versöhnung erfahren. Durch die Versöhnungsbereitschaft der Nachbarvölker hat sich ein neues Verhältnis entwickelt. Die nachgewachsenen Generationen vermögen einander unbefangener zu begegnen. 40 Jahre leben wir in Frieden. Wir konnten unsere Städte und Dörfer aufbauen und uns neue Lebensgrundlagen schaffen. Rückschauend erfahren wir das Kriegsende als Befreiung zu neuem Zeugnis von Gottes Gnade und zu neuem Dienst an Gottes Welt.
Wir können aber nicht die Augen davor verschließen, daß in diesen 40 Jahren der Friede bedroht geblieben ist. Die gequälte Menschheit hat nicht Genesung gefunden, wie es die Stuttgarter Erklärung von 1945 erhoffte. Auch die nicht mehr unmittelbar am zweiten Weltkrieg beteiligten Generationen haben seine Folgen zu tragen. Noch schwelen Mißtrauen und Furcht der Nachbarvölker. Die Verbündeten von einst haben sich getrennt. Zwei mächtige Militärbündnisse mit unterschiedÂlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen stehen sich hochgerüstet gegenüber. Auf deutschem Boden bestehen zwei deutsche Staaten, deren Grenze zugleich die Grenze zwischen Ost und West geworden ist. Sie sind fest innerhalb ihrer Bündnis- und Wirtschaftssysteme gebunden und gleichzeitig einbezogen in die Verantwortung für die Lösung der großen Weltprobleme: die Erhaltung des Friedens für alle Völker, das Ringen um Gerechtigkeit und die Beseitigung des Hungers. Auch in den evangelischen Kirchen sind wir in den zurückliegenden vier Jahrzehnten FehleinschätÂzungen erlegen. Wir haben nur schwer gelernt zu erkennen, welcher Weg uns geboten war.
Es wurde uns schwer, die Realität zweier deutscher Staaten anzunehmen. Aber wir haben erkannt: Die Erhaltung des Friedens hat den Vorrang vor allem anderen. Es wurde uns schwer, die organisatorische Einheit der deutschen evangelischen Kirche aufzugeben. Aber nur so war es möglich, unter den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen Zeugnis und Dienst eigenständig auszurichten. Wir haben lange gebraucht, Vorurteile und feindliche Einstellungen gegenüber den Siegermächten von 1945 zu überwinden und an Wegen zu neuem Vertrauen mitzubauen. Wir haben lange gebraucht, bis wir die besondere Herausforderung und Chance erkannt haben, die im gemeinsamen Zeugnis unserer Kirchen für den Frieden liegt. Wir haben lange gebraucht, ehe in unseren Gemeinden die Einsicht wuchs, daß unser Streben nach Wohlstand seine Grenzen haben muß an der Not der Hungernden und Unterdrückten und an der Verantwortung, die wir für die Schöpfung tragen. Im Blick auf manche Entwicklungen in den letzten 40 Jahren werden wir wie die Väter in der Stuttgarter Erklärung zu sagen haben: "Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."
Um so dankbarer erleben wir die Freiheit zum Dienst, die Gott uns schenkt. Wir haben erfahren: Schuld kann vergeben werden. Das befreit zu neuem Beginnen. Das Opfer Jesu Christi am Kreuz und seine Auferstehung, die wir zu Ostern feiern, stellen alle Schuld, alle Not und Ratlosigkeit unter das Zeichen der Hoffnung. Das ermutigt und verpflichtet uns, unsere Verantwortung heute wahrzunehmen. Als Kirchen in beiden deutschen Staaten treten wir gemeinsam dafür ein, daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht. Gemeinsam fordern wir, daß der Rüstungswettlauf beendet wird. Gemeinsam sind wir überzeugt, daß das System der nuklearen Abschreckung kein dauerhafter Weg zur Friedenssicherung sein kann, sondern unbedingt überwunden werden muß. Gemeinsam treten wir für eine europäische Friedensordnung ein. Gemeinsam erinnern wir uns an die Verantwortung der Industrienationen für ein menschenwürdiges Leben in den Ländern der Dritten Welt. Gemeinsam bitten wir im Gedenken an das Kriegsende vor 40 Jahren:
Wir bitten unsere Gemeindeglieder: Laßt uns nicht aufhören, für den Frieden der Welt zu beten. Unser Gebet ist der unverwechselbare Beitrag, den wir als Christen und Kirchen für den Frieden der Welt geben dürfen. Laßt uns nicht müde werden, auf das Wort der Heiligen Schrift zu hören, das uns das Kreuz von Golgatha als Gottes Friedenstat für seine Welt bezeugt. Wir wollen in unserem Alltag Boten des Friedens Gottes sein.
Wir bitten alle Menschen in beiden deutschen Staaten: Bezeugen Sie durch Ihr Leben, wie Konflikte mit anderen Menschen friedlich überwunden werden können. Helfen Sie mit, unsere Jugend zum Frieden und nicht zum Haß zu erziehen. Wehren Sie dem Aufbau von Feindbildern. Wir bitten die Menschen, die durch den Krieg, durch seine Folgen und durch die späteren politischen Gegensätze besonderes Leid erfahren haben, nicht bitter zu werden und nicht eine Wiederherstellung früherer Verhältnisse zu verlangen, die nicht zu haben ist. Wir bitten die deutschen Menschen, die heutigen Belastungen vor allem als Folge des zweiten Weltkrieges zu begreifen und als Folgen unserer Schuld zu bedenken. Wir bitten die Regierungen der beiden deutschen Staaten: Stellen Sie sich unermüdlich ihrer besonderen Verpflichtung für die Siche-rung des Friedens. Wir danken Ihnen für alle nüchterne und behutsame Politik zwischen beiden deutschen Staaten. Helfen Sie durch Sorgfalt und Vertrauen zu weiteren guten Schritten bei der Verwirklichung der Ziele des Grundlagenvertrages. Wenn Sie über die politischen Ziele der beiden deutschen Staaten sprechen, erwecken Sie keine unerfüllbaren Hoffnungen und fördern Sie kein Mißtrauen. Tun Sie weiterhin alles, bis heute bestehende Belastungen der Menschen zu mildern.
Wir bitten die Alliierten des zweiten Weltkrieges: Finden Sie in der gemeinsamen Aufgabe für Frieden und Gerechtigkeit neu zusammen zu einer Politik der Verständigung. Bemühen Sie sich um weitere Schritte, die dazu helfen, endgültig auf alle Kernwaffen zu verzichten. Hören Sie auf, neue Waffensysteme aufzustellen. Bringen Sie neue Impulse in die Verhandlungen über die Begrenzung der konventionellen Waffen und über vertrauensbildende Maßnahmen ein. Fördern Sie kulturelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit sowie die Begegnung von Menschen über die Grenzen hinweg. Folgen Sie der Einsicht, daß Sicherheit heute nur noch in gemeinsamer Sicherheit liegen kann.
Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten gibt uns die Gewißheit, daß Gott über alle Schuld und Feindschaft hinweg dem Leben in Gemeinschaft und Frieden zum Siege verhelfen will. Das ermutigt uns im Gedenken an das Kriegsende vor 40 Jahren zu neuem Vertrauen auf Gott, zu neuer Verantwortung in unserer Zeit und zu neuer Hoffnung auf Gottes ewiges Reich des Friedens.
"Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!"
Dr. Johannes Hempel Landesbischof Vorsitzender der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der Deutschen Demokratischen Republik | D. Eduard Lohse Landesbischof Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland |