Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus, liebe Gemeinde!
Wir kamen die Wege durch die langen Grabreihen. Hier und da lasen wir einen Namen, Geburtstag, Todestag. Wenige Daten eines Menschen. Wie alt war er, als er sterben mußte? Auf unzähligen Grabsteinen steht nur das eine Wort "unbekannt" oder eine Zahl, die angibt, wieviel Menschen unter diesem Stein ruhen. Nun stehen wir inmitten der Gräber. Wir wollen vor Gott und voreinander aussprechen, was uns hier bewegt. Aber Worte wollen nur schwer über die Lippen. Es wäre so vieles zu sagen, und in den letzten Wochen und Tagen ist schon soviel gesagt worden. Es ist gut, daß wir hier gemeinsam stehen, schweigen, beten und auf das hören, was diese Gräber mitteilen möchten.
Über 22000 Tote sind hier zusammengetragen worden. Unvorstellbar die Zahl, die Qualen der Erschlagenen, das Leid der Hinterbliebenen. "Der Wahrheit nachsinnen - viel Schmerz" (G. Kakel). Es bricht vieles auf in diesen Tagen. Zusammenhänge werden sichtbar, Schuldzusammenhänge. Heute morgen traten wir vor den Gedenkstein für die Juden-Deportationen in Berlin. Brüder und Schwestern stehen zur selben Stunde im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Wir ziehen von hier aus weiter zum Mahnmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten auf den Seelower Höhen. Deshalb können wir uns jetzt ungeteilt diesem Ort zuwenden, ohne anderes Leid und Unrecht zu verdrängen, ohne zu vergleichen, ohne aufzurechnen. Jede Leiderfahrung wiegt schwer vor Gott, jeder Schmerz darf vor ihm benannt werden.
![]()
Diese Gräber zeugen von dem Leid, das deutsche Soldaten und deutsche Zivilisten durchlitten haben. Wir stehen nicht hier, um alte Wunden aufzureißen. Wir stehen hier, um Gott zu bitten, daß ... er Wunden heile und aus schmerzlicher Erinnerung Hoffnung wachsen lasse. Jesu Wort begleitet uns an diesem Ort. Jesu Wort geleite uns von diesem Ort. Jesus Christus spricht: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig, die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen" (Matth. 5,4.9).
Jesus ermutigt: "Ihr dürft trauern und weinen." Es gab und gibt bis zum heutigen Tag viel Einzelschmerz. Die Blumen auf einigen Gräbern zeugen davon. Aber davon sprechen? Wer wagte vom eigenen Leid zu reden, als er hören und sehen mußte, was Deutsche anderen Menschen angetan haben. Schweigen aus Schuldbetroffenheit, aus Scham, aus politischer Rücksichtnahme. Die Trauer um die eigenen Toten wurde überlagert von der politischen und ideologischen Auseinandersetzung. Aber verdrängte Leiderfahrung zehrt. Erstickte Tränen verschließen Mund und Herz. Unbewältigtes Leid entläßt in Schwermut.
Die Menschen, die hier bestattet wurden, haben Unsagbares gesehen und erlitten. Sähen wir vor uns, was hier wirklich geschah, unser Herz und unser Verstand könnten es nicht fassen. Ringsumher tobte die letzte große Kesselschlacht. Mit unerbittlicher Härte und Grausamkeit wurde gekämpft - erbarmungslos, ausweglos. Der Haß entlud sich mit tödlicher Konsequenz. Ungeheure Verluste auf beiden Seiten. In der Morgenmeldung der 9. Armee vom 28. April 1945 heißt es: "Nur durch die von sämtlichen Generalen getroffenen Maßnahmen ist es gelungen, die Haltung der Truppe bis jetzt zu gewährleisten." Was bedeutet solch ein Satz?
Zum Beispiel dies: Junge Soldaten, die sich weigerten zu kämpfen, wurden geschlagen, erschossen. Auch sie werden unter diesen Toten ruhen. Das schreckliche Sterben traf Verführte und Verführer, Verblendete und Sehende. Hier aber vorwiegend junge Menschen, die in aussichtslosen Kampf getrieben wurden. Und mitten im Kessel Zivilbevölkerung. Tausende von Fliehenden und Vertriebenen, Frauen, Kinder, Greise, gnadenlos mit hineingerissen in den vernichtenden Strudel des Krieges. Hilflos Umherirrende, Verwundete, laut Schreiende oder leise Flehende, Sterbende, zerrissene Menschen. Eine Frau erzählte mir, was sie in jenen Tagen und Nächten sah und erlebte. Sie war damals 9 Jahre alt. Worte versagen. - Und hier liegen auch Menschen, die sich selbst das Leben nahmen aus Angst. Sie sahen keinen Ausweg mehr. Der unselige Krieg ging verloren mit all seinen Schrecknissen.
Wir sind keine Richter, wir brauchen keine Urteile zu sprechen. Jesus Christus ist der gnädige und gerechte Richter, vor den die Toten und die Lebenden treten. Jesus Christus verheißt jenen Leben, die sich erfassen lassen vom Leid, vom Schmerz der Menschen. Wo immer dies geschieht und an wem immer - trauern dürfen, trauern können, damit verwundete Herzen geheilt werden, damit der Weg frei wird zur Versöhnung. Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Aber an diesen Gräbern ist auch anderes zu sagen: Selig die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Jesus nennt jene glücklich, die Frieden schaffen. Mit all der Arbeit und Mühe, die dies bedeutet Mitten zwischen diesen Gräbern möchten wir laut ausrufen: "Krieg darf es nie wieder geben!" Aber die Toten mahnen auch, wahrhaftig zu bleiben und zu sprechen.
![]()
Können wir solche Worte einlösen? Zum Frieden gehört die Wahrheit. Sie ist bis heute eine bittere Wahrheit. Diese Toten sind nicht die letzten geblieben seit 1945. Die Kriege toben nur ferner. Der Ungeist der Abschreckung treibt beinah ungebrochen sein Unwesen. Die widersinnige Logik der Abschreckung erobert immer neue Räume. Die irrsinnige Praxis der Abschreckung tötet bereits heute. Sie nimmt den Hungernden das Brot. Zum Frieden gehört die Gerechtigkeit. Ohne gerechte Verhältnisse kann es auf Dauer keinen Frieden geben. Zum Frieden gehört der innere Friede im eigenen Land. Wie häufig wird er verletzt! Zum Frieden gehört vor allem die Achtung vor jedem Menschen, den Gott geschaffen hat. Das ist die Wurzel, aus der Friede wächst. Und wenn wir an diesem Ort die Mahnung vernehmen, dann ist es wohl die: Laßt uns auf merksam füreinander sein, sensibel für Menschlichkeit, Seismographen für Unrecht schon im Ansatz. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis möchte ich deshalb hier als Bitte aussprechen: Herr, laß uns heute mutig bekennen, treu beten, fröhlich glauben und brennend lieben.
Mich macht auf diesem Friedhof besonders auch betroffen, daß hier Tausende begraben liegen, deren Namen nur Gott kennt. Namenlose aus allen Teilen des damaligen Deutschland. Vermißte, deren Angehörige nicht wissen, wo sie bestattet wurden. Der Krieg löscht Namen aus. Der Friede trägt ein. Menschen, die Frieden stiften, lernen einander kennen. Sie überwinden Abgrenzungen und Grenzen ohne Gewalt. Sie entdecken Wege zur Verständigung, zur Versöhnung durch Begegnung. Sie, liebe Brüder aus der Ökumene, gehören zu denen, deren Namen wir kennen. Wir danken Ihnen, daß Sie mit uns hierhergekommen sind. Wir gehen weiter mit der Verheißung Jesu Christi: "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen."
Amen