Kein Krieg mehr von deutschem Boden

Referat von Albrecht Schönherr bei der Jahrestagung der Gustav-Heinemann-Initiative
Rastatt, 22. Mai 1982

Der Schlußpunkt damals war ein gemeinsamer Besuch des Doms in Güstrow. Ich möchte glauben, daß der Besuch nicht nur für die Medien stattfand. In ihm drückte sich Bedürfnis des einen und Respekt des anderen Gesprächspartners aus. Als Christ stimmt es mich froh und erfüllt mich mit Hoffnung, daß die beiden dort der eindringlichen Stimme des Raumes und seiner Bildwerke gelauscht haben. Ich denke besonders an Barlachs "Schwebenden". Vielleicht hat er ihnen dies gesagt: Ihr habt über Trennendes und Gemeinsames, über Leid und Verhütung von Leid gesprochen. Da ist etwas, da ist einer, der über dieser Erde schwebt. Der nimmt alles Leid der Welt in sich auf; die Augen geschlossen, die Arme vor der Brust gekreuzt, daß nichts herausfällt. Einer, der bewirkt, daß das Leid, das wir Menschen einander und dieser Erde antun, aufgehoben, getragen wird, damit wir unter dem aufgetürmten Leid nicht erdrückt werden, damit wir weiterleben können, damit es noch eine Zukunft gibt. Es ist gut, glaube ich, daß dies der letzte große Eindruck war, den die beiden Staatsmänner von ihrem Zusammensein in der Deutschen Demokratischen Republik mitgenommen haben.
Wahrscheinlich muß sich noch vieles klären und bewähren, bevor wir wieder mit dem Begriff einer deutschen Nation argumentieren sollten. Heute sind manche Stimmen zu hören, die das deutsche Nationalgefühl wieder geweckt sehen wollen. Wir sollten nicht vergessen, daß, unsere Nachbarn solche Stimmen nur mit großer Besorgnis vernehmen, zumal dann, wenn von einer wiedervereinten Nation die Rede ist. Daß wir Deutschen deutsche Interessen wahrnehmen sollen vorausgesetzt, daß wir wissen, welches unsere wahren Interessen sind wird man verstehen können und müssen. Vor einem nebelhaft nostalgischen, ernotionalen und ausländerfeindichen Nationaldenken sollten wir auf der Hut sein!
Ich schlage vielmehr vor, die besondere Gemeinschaft der Deutschen in den beiden deutschen Staaten unter ethische Kategorien zu fassen. Über allem, was uns gemeinsam betrifft, ist die Aufgabe, den Frieden zu erhalten und zu befestigen, die wichtigste. Alles, was wir aneinander und miteinander tun, ist diesem Ziel unterzuordnen. Was den Frieden destabilisiert, darf nicht geschehen. Dies können die anderen Völker nach dem Opfer von 50 Millionen Menschen, das wir Deutschen verursacht haben, von uns erwarten.
Unter solchen ethischen Kategorien beschreibe ich die Gemeinschaft der Deutschen in den beiden deutschen Staaten
- als Haftungsgemeinschaft,
- als Verantwortungsgemeinschaft,
- als Hoffnungsgemeinschaft.

Haftungsgemeinschaft

An der Nahtstelle zweier Weltsysteme bekennen sie sich gemeinsam zu ihrer besonderen Verantwortung für den Frieden. Genau das ist es! Später heißt es dann: 1945 haben Unzählige geschworen: Nie wieder Krieg! Heute muß dieser Ruf bekräftigt werden, nicht nur mit leidenschaftlichem Herzen, auch mit besonnenem Verstand. Die Arbeit für eine Friedensordnung ... erfordert Nüchternheit, Geduld und Mut ... Wir wissen: Lange bevor ein Krieg ausbricht, hat er in den Gedanken und Herzen der Menschen schon begonnen. Mißtrauen und Angst und das Gefühl der Bedrohung löschen alle anderen Hoffnungen aus. Darum haben wir jetzt für eine konsequente Erziehung zum Frieden zu sorgen." Soweit das Kanzelwort, das von den meisten Kanzeln in der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik verlesen worden ist.
Auf der politischen Ebene hat es solche Gemeinsamkeit bisher nicht gegeben. Zu verschieden ist die Art, wie in den beiden deutschen Staaten die Vergangenheit aufgearbeitet worden ist. Ich gestehe offen, daß ich Mühe habe zu verstehen, warum in der Bundesrepublik die fälligen Prozesse so spät und dann natürlich nicht mehr überzeugend durchgeführt worden sind und warum man manchmal so "großzügig" mit schwer belasteten Personen umgegangen ist.
Wie dem auch sei: Ein deutscher Staat ist nach dem Zweiten Weltkrieg unvergleichlich dazu verpflichtet, alles zu tun, daß kein Krieg mehr von deutschem Boden ausgeht.
Ich füge einen Gedanken hinzu, der mir wichtig ist. Es waren vor allem die Kommunisten, die mit Konsequenz und großen persönlichen Opfern dem "Dritten Reich" widerstanden haben. Sie haben die meisten Blutopfer gebracht. Zusammen mit Demokraten und Christen saßen sie in den Gefängnissen und starben in den Konzentrationslagern. Der Respekt und die Kameradschaft, die damals wuchsen, haben neben einer Reihe von anderen Ursachen bewirkt, daß sich das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR relativ günstig darstellt. Die Erinnerung an diese Leidensgemeinschaft sollte auch in der Bundesrepublik nicht verdrängt werden. Sie könnte Brücken bauen helfen.

Verantwortungsgemeinschaft

Was sind solche Fäden, die wir uns haltbar wünschen? Ich nenne in erster Linie die Vertragswerke von Anfang der siebziger Jahre, aber auch die Schlußakte der Konferenz für Sicherheitund Zusammenarbeit in Helsinki (KSZE) von 1975. Solche Verträge, auf dem Boden der Gleichberechtigung und der gegenseitigen Achtung der Souveränität geschlossen, sind sozusagen geronnener Friedenswillen. Sie tun als Institution von Dauer ihren besten Dienst in Krisenzeiten - wie das Institut der Ehe zwischen Mann und Frau. Sie stellen Tisch und Stühle bereit, die die Parteien benutzen können, ohne jedesmal nach dem ob Überhaupt fragen zu müssen. Wir tun gut daran, Verträge ernst zu nehmen und unsere Regierungen zu ermutigen, sie zu benutzen und ihre Inhalte abzurufen.
In zweiter Linie denke ich daran, zwischen beiden Blöcken und besonders den beiden deutschen Staaten beharrlich nach Feldern des Einvernehmens zu suchen und diese Inseln im Meer der Mißverständnisse und Spannungen mit Phantasie und Geduld beständig zu vergrößern. Natürlich gilt unser Hauptinteresse den laufenden Verhandlungen. jeder weiß, daß an ihrem Ausgang mit großer Wahrscheinlichkeit unser aller Überleben hängt. Beide Seiten wollen als gleich ernst zu nehmende Verhandlungspartner verstanden werden. Sie wollen weder Nötigungen noch Erpressungen ausgesetzt sein. Lebensgefährlich, weil den Erfolg von Verhandlungen blockierend, ist es, wenn eine Partei grundsätzlich Überlegenheit beansprucht oder die andere "totzurüsten" droht. Das kann zu unberechenbaren Reaktionen führen.
Gerade die Verhandlungen über die Mittelstreckenraketen verfolgen wir mit größter Sorge, weil die immer kürzer werdenden Flugzeiten vernünftige menschliche Reaktionen immer unmöglicher machen und die Entscheidungen dem Computer überlassen. Hingegen scheint in der Diskussion um atomwaffenfreie Zonen ein guter Ansatz zu liegen: Wird der Gedanke von einigen Staaten ernsthaft aufgegriffen und führt er zu Resultaten, könnte das Sogwirkung in Richtung auf ein atomwaffenfreies Mitteleuropa und später auf ganz Europa haben.
Der Handel ist ein wichtiger Faden. Es ist von einiger Bedeutung, wenn sich alle halben Jahre Minister beider deutscher Staaten auf der Leipziger und der Hannover-Messe treffen, auch wenn die Wetterlage nicht günstig ist. Freilich wird man guttun, die wirtschaftlichen Beziehungen nicht zu überschätzen. Keiner der beiden Partner, bestimmt nicht die DDR, wird auf wirtschaftlichen Druck hin größere politische oder ideologische Opfer bringen.
NNicht zu unterschätzen sind die persönlichen Beziehungen zwischen den Politikern, die gerade bei unüberbrückbaren ideologischen Gegensätzen eine erhebliche Bedeutung haben. Es kommt sehr viel darauf an, daß die Gesprächspartner sich gegenseitig kennen, einander berechenbar werden und Vertrauen gewinnen. Das ist möglich und wirksam.
Die Massenmedien beider Seiten könnten eine wichtige Nahtfunktion haben. Sie könnten das gegenseitige Vertrauen stärken, ohne die bestehenden Gegensätze zu verschleiern. Einige tun das in einer Weise, für die wir nur dankbar sein können. Andere scheinen weniger dem gegenseitigen Verstehen als dem Kalten Krieg verpflichtet zu sein. Ein Beispiel, das in unseren Tagen besonders aktuell ist: Kritische Anfragen von Jugendlichen aus der DDR, die in kirchlichen Räumen laut werden, werden verallgemeinert und als das Aufkommen einer "politischen Opposition" gewertet. Kurzschlüssige oder naive Appelle werden zu Schlagzeilen verarbeitet, die geeignet sind, das Verhandlungsklima zwischen den beiden deutschen Staaten zu stören. Wenn man in der DDR irgendwelche Gruppen als "Opposition" etikettiert, programmiert man geradezu ihre Vernichtung. Das würde auch geschehen, wenn nicht immer wieder Wege gefunden würden, um die Ereignisse und ihre publizistische Behandlung in vernünftiger Weise miteinander aufzuarbeiten.
Sie haben zum Beispiel versucht, deutlich zu machen, daß das Gespräch des Staatsratsvorsitzenden mit dem Vorstand des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR am 6. März 1978 kein taktisches Manöver war, sondern daß es eine kontinuierliche Kirchenpolitik signalisierte, die gerade auch für Zeiten größerer Spannung ein vernünftiges Miteinander, vor allem eine solide Basis für das Gespräch garantieren sollte. Daß es immer wieder einmal Spannungen geben würde, war beiden Seiten von vornherein klar. Trotz aller Behauptungen, der 6. März sei tot, weil es zur Zeit Spannungen gibt, ist festzuhalten, daß die Bereitschaft, im Gespräch miteinander zu bleiben, nach wie vor voll gegeben ist.
Friedensgefährdend ist es hingegen, wenn auf beiden Seiten Feindbilder vorausgesetzt und gepflegt werden. Man kann niemandem verbieten, Gegner des Kapitalismus oder des Kommunismus zu sein. Gefährlich wird es nur, wenn die politisch begründete Gegnerschaft ins Irrationale absinkt und sich dann in einen Haß verdichtet, der sich nicht auf das Böse - das wäre biblisch -, sondern auf die (vermeintlich) Bösen richtet. Haß aber ist geistiger Totschlag. Es beunruhigt, daß zum Beispiel die Bezeichnung Kommunist in vielen Teilen der Welt einem Todesurteil gleichkommt und in anderen Teilen mindestens zur moralischen und gesellschaftlichen Disqualifizierung führt. Man muß manchmal den Eindruck haben, daß die eigentliche Triebfeder des Antikommunismus der Haß gegen die potentiellen Expropriateure ist und der Vorwurf der Gottlosigkeit im Namen eines recht domestizierten, vor allem das Eigentum sichernden Gottes gemacht wird.
ZZurück zur gemeinsamen Verantwortung für einen stabilen Frieden. Ich halte es für zwingend, daß Sicherheit heute im Atomzeitalter nur als gemeinsame Sicherheit bewahrt werden kann. Entweder wir denken miteinander und sind auch um die Sicherheit des anderen besorgt, oder wir kommen nicht mehr zum Denken, weil wir gemeinsam sterben.
Vor allem kommt es darauf an, auch die letzten aus ihrer Gleichgültigkeit für die entscheidende Frage der Menschheit herauszuholen. Auf dem schon erwähnten Moskauer Kongreß wurde ein russischer Schriftsteller der dreißiger Jahre zitiert:
"Fürchte dich nicht vor den Feinden - im schlimmsten Fall können sie dich töten.
Fürchte dich nicht vor den Freunden - im schlimmsten Fall können sie dich verraten.
Fürchte dich vor den Gleichgültigen - weder töten noch verraten sie, aber nur mit ihrer schweigenden Zustimmung gibt es auf der Erde Verrat und Mord."

Hoffnungsgemeinschaft

Die Kirchen in der DDR haben nicht erst aufgrund der Friedensbewegung in der BRD und der Anfragen, die in den letzten Jahren aus der eigenen Bevölkerung kamen, die Fragen des Friedens ernsthaft bewegt. Sie haben das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945 auch als Bekenntnis des politischen Versagens verstanden. Es gehört zu einer recht verstandenen Buße, daß die Christen ihre politische Verantwortung erkennen und daß die Kirchen ihnen helfen, sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten wahrzunehmen.
Eine der ersten Synoden der EKD, die von Weißensee 1950, war ausdrücklich dem Frieden gewidmet. Für die Kirchen in der DDR verdichtete sich im Laufe der Zeit die Überzeugung, daß die Aufgabe, alles nur Mögliche für den Frieden zu tun, mindestens zur Zeit die zentrale Verpflichtung für den Glaubenden ist. Die Kirchen sind sich dessen bewußt, daß sie um der Wahrheit willen ihr gesamtes Wissen um den Menschen, um seine Würde, aber auch um seine Entfremdung von Gott, von dem Mitmenschen und von sich selbst, also seine Sünde, vor allem aber das Wissen um seine Hoffnung einzubringen verpflichtet sind. Gebet und Gottesdienst gewannen zentrale Bedeutung für das politische Handeln. Dadurch blieb das Zentrum unseres Glaubens stets im Blick.
Was ist für die Friedensbemühungen der Kirchen in der DDR heute charakteristisch? Die Friedensbemühungen schließen sich einigermaßen kontinuierlich an die der fünfziger Jahre an. Eine Flaute, wie sie sich in der Bundesrepublik nach der Spandauer Ohnmachtsformel 1958 (Die "Spandauer Ohnmachtsformel" ist im Beschluß der EKD-Synode von 1958 zur Diskussion über die Atombewaffnung enthalten. Sie lautet: "Die unter uns bestehenden Gegensätze in der Beurteilung der atomaren Waffen sind tief. Sie reichen von der Überzeugung, daß schon die Herstellung und Bereithaltung von Massenvernichtungsmitteln aller Art Sünde vor Gott ist, bis zu der Überzeugung, daß Situationen denkbar sind, in denen in der Pflicht zur Verteidigung der Widerstand mit gleichwertigen Waffen vor Gott verantwortet werden kann. Wir bleiben unter dem Evangelium zusammen und mühen uns um die Überwindung dieser Gegensätze." (KJ 1958, S. 66))
Spezifische Schwierigkeiten sollen nicht verschwiegen werden:
* Bei allem, was von staatlicher und kirchlicher Seite zum Frieden gesagt und für ihn getan wird, bei weitgehender Übereinstimmung in der Kritik an der Aufrüstung und der Forderung nach Abrüstung darf nicht übersehen werden, daß die Akzente bei dem Wort Frieden verschieden gesetzt werden. Während es den Christen darum geht, den Frieden und damit das Leben zu bewahren - weil die Schöpfung Gottes nicht durch unsere Schuld verkommen darf, weil Gott die Menschen durch Christi Geburt, Leben, Leiden und Auferstehen mit sich versöhnt und damit die Grundlage zur Versöhnung auch untereinander gegeben hat, weil wir auf die Erlösung dieser Erde warten -, ist für den marxistischen Partner der Friede und damit die Erhaltung des Lebens eng mit dem Sieg des Sozialismus verbunden. Weil Sozialismus und Friede eins seien, sei alles, was den Sozialismus oder einen sozialistischen Staat fördert, unmittelbar Förderung des Friedens. Beim Novemberplenum 1981 des Zentralkomitees der SED hieß es, "daß unsere ganze Republik sozialer Friedensdienst ist". Wir Christen können aus grundsätzlich-theologischen und aus Gründen der Erfahrung eine Idee und deren Verwirklichung in der Geschichte nicht in eins sehen. Auch die Kirche ist, was die Verwirklichung des Willens Gottes angeht, nicht schon Reich Gottes.
* Die Kirche bekommt den Vorwurf zu hören, sie gebe erst jetzt, da sie in einem sozialistischen Staat lebe, pazifistischen Gedanken Raum. Damit unterbreche sie eine lange Tradition. Unter kapitalistischen Verhältnissen hätten Christen kein schlechtes Gewissen gehabt, ihr Vaterland mit der Waffe zu verteidigen. Wir Christen in der DDR tun gut, solche Einrede nicht zu überhören und darüber zu wachen, daß unser Friedenszeugnis rein bleibt. Aber es geht uns um etwas ganz anderes. Wir Christen erinnern uns mit Scham dessen, wie wenige von uns in dem verbrecherischen Krieg den Kriegsdienst verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt haben. Die Kirchen hatten bis dahin so gut wie nichts für Kriegs- oder Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen getan. Nun liegt das entsetzliche Erleben des Zweiten Weltkrieges hinter uns. Nun haben wir es am eigenen Leibe erfahren, was wir früher zum Spott über unsere Feinde aufgesagt haben: "Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen." Nun haben die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki angezeigt, daß eine ganz neue Qualität des Kriegführens angebrochen war. Nicht zuletzt war der Gedanke furchtbar, daß in einem nächsten Krieg, sofern er in Europa stattfinden würde, Deutsche auf Deutsche schießen und damit das Gericht des Zweiten Weltkrieges vollenden würden.
Ich nenne die Rede von Bischof Werner Krusche bei der Nyborg-Konferenz Ende April 1971 mit dem Thema "Diener Gottes, Diener der Menschen" (Kirchliches Jahrbuch 1971, S. 355ff). Mir scheint, daß folgende Sätze nicht verlorengehen sollten: "Versöhnung heißt nicht einfach: Aufhebung der Gegensätze, sondern Austragung der Gegensätze unter dem Vorzeichen des ja zueinander ... Die Kirchen können nicht selbst Partei werden, aber sie müssen Partei ergreifen, aber nicht pauschal für ein gesellschaftliches System, sondern für die konkreten Menschen und die Menschlichkeit in concreto... Frieden gibt es nicht gegen den anderen, sondern nur mit ihm. Und Frieden wird hergestellt, indem einer den bedingungslosen ersten Schritt tut. Friedenspolitik ist Politik des ersten Schrittes ... Die Ermutigung zu dieser Politik des ersten Schrittes gehört zum Friedensdienst der Kirchen." (S.339)
Aus solcher Freiheit zum Dienst haben die DDR-Kirchen sich nach langen, schwierigen Debatten entschlossen, zum Weltfriedenskongreß in Moskau 1973 im Rahmen der DDR-Delegation Teilnehmer zu entsenden. Sie haben das tun können, weil ihnen offene und unabhängige Partnerschaft versprochen worden war. Dies ist dann auch so gewesen. Es war wichtig, die Vorstellungen der Kirchen vom Frieden einmal mit ganz anderen Partnern zu diskutieren und deutlich zu machen, daß Religion für uns Christen in der DDR nicht Privatsache ist, sondern die Verpflichtung auch zur Übernahme politischer Mitverantwortung einschließt.
So haben die Kirchen in der DDR das Zustandekommen der Helsinki Konferenz (KSZE) 1975 warm befürwortet und ihr Ergebnis begrüßt. Die erste Auswertung fand auf ihre Einladung hin noch im gleichen Herbst im Rahmen einer Konsultation der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Buckow bei Berlin statt.
Im gleichen Sinne hatte sich bereits der Vorsitzende des Staatsrates, Erich Honecker, am 6. März 1978 bei dem oft zitierten Empfang des Vorstandes des Bundes der Evangelischen Kirchen geäußert. In der amtlichen Verlautbarung, die auf der ersten Seite aller Zeitungen erschien, heißt es: "Erich Honecker würdigte das Friedensengagement, zu dem sich die Kirche gemäß den christlichen Maximen der Achtung vor dem Leben und des Dienstes am Nächsten gerufen wissen. Ihr Eintreten für die Erhaltung des Friedens, für Entspannung und Völkerverständigung könne man nur mit Befriedigung aufnehmen. Insbesondere sei die große Bedeutung des Beitrages der Kirchen zur Beendigung des Wettrüstens, zum Verbot der Massenvernichtungsmittel, vor allem der Neutronenwaffe zu unterstreichen ..." (Neues Deutschland 7.3.1978)
Die DDR-Kirchen sahen in solchen Worten die Anerkennung, daß ihnen auch in politisch und gesellschaftlich relevanten Fragen ein offenes Wort zugebilligt wird - eine Tatsache, die in einem sozialistischen Staat marxistisch-leninistischer Prägung nicht selbstverständlich ist. Es lag auf der gleichen Linie, daß Honecker beim letzten Parteitag der SED gesagt hat, das Verhältnis von Staat und Kirche sei "offener, konstruktiver und verständnisvoller" geworden.
Aber auch die Auseinandersetzungen um den Wehrkundeunterricht, die bald nach jenem Treffen vom 6. März 1978 begannen, fallen nicht aus diesem Rahmen heraus. Die evangelischen Kirchen haben ihre Bedenken offen ausgesprochen. Sie haben sie gerade von dem immer wieder beteuerten und von uns ernstgenommenen Friedenswillen der DDR aus begründet, also von deren eigenen Voraussetzungen her. Ihr Einspruch hat zwar das Vorhaben selbst nicht verhindert, wohl aber einige Modalitäten verändert. Es wurde die Zusicherung gegeben, daß diejenigen jugendlichen, die dem an sich obligatorischen Unterricht fernbleiben würden, nicht diskriminiert würden. Die Durchführung des Unterrichts hat freilich die hauptsächlichen Bedenken nicht zerstreut.
* zur Sensibilität für die Leiden anderer, die auch in spürbaren Zeichen und Opfern zum Ausdruck kommt ("Solidarität") sowie zur Bereitschaft eigenen Leidens für andere, zum Beispiel durch Verzicht;
* zu Selbständigkeit im Denken, Fühlen und Urteilen (Mündigkeit);
* zum kritischen Hinterfragen vorgegebener, mit dem Anspruch der Alleingültigkeit auftretender Überzeugungen, Werturteile und Ansichten;
* zum sachlichen und argumentativen Aussprechen der eigenen Mei- nung;
* zur Mitverantwortung für öffentliche, kommunale, betriebliche, schulische Angelegenheiten ("gesellschaftliche Strukturen");
* zum Wahrnehmen, Nachdenken und Sprechen über globale Vorgänge und Probleme, auch wenn man als einzelner unmittelbar "nichts dafür tun kann";
* zur Mitverantwortung für eine gesunde Umwelt;
* zu einem geschärften Bewußtsein für die Dringlichkeit echter Abrüstungsschritte und zu einem sachkundigen Interesse an den aktuellen politischen Abrüstungsbemühungen;
* zum Kampf um gerechte wirtschaftliche Beziehungen im Verhältnis von reichen zu armen Ländern;
* zur kritischen Auseinandersetzung mit ausschließlich militärischen Sicherheitsvorstellungen und -konzepten, die persönliche Entscheidung in der Frage des Waffendienstes eingeschlossen;
* zur Überwindung von irrationalen Angst- und Drohvorstellungen, Feindbildern und Haßgefühlen;
* zur Bereitschaft, die eigene Ruhe um des Friedens willen stören zu lassen - bis hin zum Annehmen persönlicher Nachteile.
Friedenserziehung ist in dieser thematischen Breite kein auf Kinder oder Jugendliche beschränkter Vorgang. Sie ist eine Aufgabe der ganzen Gemeinde.
Der Verknüpfung Gesamtkirche - Gemeinde dienten auch die besonderen Friedensgottesdienste, die gemeinsam mit den Kirchen der Bundesrepublik und anderer Staaten der Welt, bis hin zu den USA, in den Jahren 1980 und 1981 durchgeführt wurden. Sie waren die erste Frucht von regelmäßigen Konsultationen zu Friedensfragen zwischen Beauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR, wie sie von der DDR-Bundessynode gefordert worden waren. Die Friedensgottesdienste haben große Resonanz gehabt. Es scheint so, als ob einer der letzten Sonntage des Kirchenjahres zum "Friedenssonntag" werden wird.
Eine große Breitenwirkung bekam die Friedensarbeit, als die evangelische Jugend im zeitlichen Zusammenhang mit den Friedensgottesdiensten sogenannte Friedensdekaden durchführte. Das waren breit gestreute Veranstaltungsreihen, zu denen den jungen Gemeinden umfangreiches und interessantes Material dargeboten wurde. Dieses Angebot traf auf die wachsende Sorge vieler junger Menschen um ihre Zukunft. Sie haben den Verhandlungen der großen Mächte mit ehrlichen Erwartungen entgegengehofft und sind nun enttäuscht, wie sie sich dahinschleppen. Sie hören, daß die Vermeidung eines Atomkrieges erste Priorität vor allem haben müsse, und erleben gleichzeitig, wie für längerfristigen Militärdienst intensiv geworben wird. Sie meinen, mit der Abrüstung bei sich selbst anfangen zu sollen. Sie wollen jedenfalls ein Zeichen dafür setzen, daß für sie der Schrecken des Krieges immer noch groß und die Hoffnung auf eine Welt ohne Waffen immer noch lebendig ist. Ein solches Zeichen sollte eine Schweigeminute am Bußtag 1980 sein.
In der nächsten Friedensdekade tauchte das Bild des Denkmals Schwerter zu Pflugscharen eines sowjetischen Künstlers auf, das er nach der Vision des Propheten Micha (Kapitel 4,3) geschaffen hatte. Das Bildwerk steht schon lange Zeit vor der Moskauer Tretjakow-Galerie, ein zweites Exemplar schenkte die Sowjetunion den Vereinten Nationen. Es ist in New York vor deren Sitz aufgestellt.
Dazu kam im Februar dieses Jahres eine weitere Unterschriftensammlung für einen Berliner Appell eines Jugendpfarrers aus dieser Stadt, der eine Reihe politischer Forderungen enthielt (Friedensverträge mit beiden deutschen Staaten, Abzug der Besatzungsmächte und anderes). Dieser Appell wurde wohl in der westdeutschen Publizistik ein wenig zu ernst genommen. Auf jeden Fall hat sein Erscheinen ganz erheblich zur Verschärfung der Situation zwischen dem Staat, den Kirchen und den Jugendlichen beigetragen. Die Berlin-Brandenburger Kirchenleitung distanzierte sich von dem Appell, ohne auf die Sachfragen näher einzugehen, und riet von Unterschriften ab.
Dennoch: Es sieht, trotz eines manchmal unverständlich harten Vorgehens gegen die Träger des Schwerter zu Pflugscharen-Aufnähers, nicht so aus, als ob das, was am 6. März 1978 zwischen dem Staat und der Kirche erreicht worden war, suspendiert oder gar aufgehoben sei. Die Kirchen jedenfalls sehen nach wie vor ihren Platz als Kirchen im Sozialismus, das heißt sie haben ihr Zeugnis und ihren Dienst hier, in dieser sozialistischen Gesellschaft der DDR, zu tun, auf dem schmalen Grat zwischen Opportunismus und Opposition. Auch wenn die Zahl der Christen in der DDR viel kleiner geworden ist, "werden sie auf den praktischen Dienst an der Gesellschaft nicht verzichten, wenn es um die Grundfragen des Überlebens, um Frieden und Gerechtigkeit geht. Dabei verleugnen sie nicht, daß sie durch ihr Ureigenstes, durch das Zeugnis des Neuen Testaments, zur Verantwortung für den Frieden aufgerufen sind. Das hindert sie daran, sich bedingungslos auf die eine oder die andere Seite zu schlagen, macht ihnen aber zur Pflicht, jeden Schritt auf Frieden und Gerechtigkeit zu, wer ihn auch macht, auf seine Aufrichtigkeit und seine Effektivität hin zu prüfen und ihn - wenn sie es verantworten können - mitzugehen." (Aus dem Bericht des Vorsitzenden der Konferenz der Kirchenleitungen an die Bundessynode in Güstrow September 1981, epd Dokumentation 43/81).
Zu Beginn erinnerte ich an die Begegnung der beiden führenden deutschen Staatsmänner unter dem "Schwebenden" im Güstrower Dom.
Möge die Erinnerung an diese ausdrucksstarke Gestalt über dem Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander und über den Gesprächen zwischen deutschen Staatsmännern lebendig bleiben - für die einen Symbol dafür, daß Lüid bewältigt und Zukunft ermöglicht werden kann, für die andern Symbol dafür, daß einer über uns ist, der die Vergangenheit, auch unsere deutsche Vergangenheit, in sich aufgenommen und ans Kreuz getragen hat, daß einer über uns ist, der uns durch seine Auferstehung immer neue Felder der Hoffnung eröffnet und Mut macht, einander offen, tapfer und Vertrauen ermöglichend zu begegnen.
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© Pfarramt Ahrenshagen, 15.01.2003

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