Muß Krieg immer sein? Ist Frieden auf Erden möglich?
Martin Fischer 1959
Vorbemerkung:
Bischof Dibelius hatte sich in "Kirche und Mann" gegen die These gewendet, daß aus der Bibel gefolgert werden müsse, Kriege werde es immer geben. Darauf wurden verschiedene Autoren um ihre Antwort zur selben Frage gebeten. (Kirche und Mann, Gütersloh, Dezember 1958.) Die Frage ist keine Angelegenheit der betrachtenden Weltanschauung passiver Geister, sondern des gehorsamen Kampfes in vernünftiger politischer Verantwortung und damit eine Frage "der Heiligung, ohne welche wird niemand den Herrn sehen" (Hebr. 12, 14).

as soll die Frage? Die Bibel rechnet mit Kriegen, weil sie mit Sünde rechnet. Aber auf keiner Seite zieht sie daraus die Folgerung, daß es dabei zu bleiben habe, sondern sie nimmt den Kampf mit Sünde auf. Sie rechnet damit, daß Gott einen gehorsamen Glauben zu Ehren bringen kann - im Jüngsten Gericht, aber auch so, daß Gehorsam gegen die Gebote Gottes in wirklicher Liebe zum Menschen diesen Menschen hilft. Wer aus dem Satz, daß die Bibel mit Kriegen rechnet, die Konsequenz zieht, daß es keinen Sinn habe, Schritt für Schritt um die Überwindung der Kriege zu kämpfen, hat die Bibel mißbraucht.

ir sind nicht gefragt, ob Kriege immer bleiben werden, sondern wir sind gefragt, was wir als Christen verantworten können. Die Offenbarung Johannes rechnet damit, daß in den Kämpfen des Endes ein Drittel der Menschen dahingerafft wird (9,18). Aber sie sagt nicht, daß dies Christen zu tun hätten und deshalb etwa Massenvernichtungsmittel bejahen dürften. Vielmehr rechnet sie damit, daß die Christen mitten in diesen widergöttlichen Grauen als Verfolgte existieren.

er allgemeine Satz, daß Kriege immer bleiben werden, verführt viele dazu, die Christenheit hoffnungslos, untätig und faul zu machen. In diesem Sinn kann der Satz trotz frommer Verbrämung sehr gottlos sein. Dann herrscht Resignation, und es ist möglich, daß Gott angesichts einer hoffnungslosen Christenheit Gehorsam und Hoffnung bei Samaritern und Heiden vorfindet. Dann bereitet sich Gericht vor (Hesekiel 9).

it dem Kampf gegen den Krieg (wer den Krieg Sünde nennt, hat gegen ihn zu kämpfen) ist nicht gemeint, daß wir eine vollkommene christliche Welt herbeiführen könnten. Aber der glaubt nicht an das Reich Gottes, der es für unwirksam erklärt und die Welt ihren gottlosen Gesetzen und Trieben überläßt. Dazu ist Christus nicht gekommen, und dazu hat er nicht das Liebesgebot gegeben, daß wir gottlos erklären: es ändert sich aber gar nichts in der Welt, allenfalls ein Weniges in der Privatmoral. Die Christenheit hat sich mit derartigen Lehren nicht selten bei den Mächtigen dieser Welt beliebt gemacht, hat ihr Salz dumm werden lassen und auch bei angeblich rechtgläubiger Wiedergabe des Evangeliums diesem Evangelium und dem Herrn Schande gemacht (Römer 2,24).
Praktizierte Hoffnungslosigkeit hat mit der Sünde gegen den Heiligen Geist zu tun.
s hat Zeiten gegeben, in denen Christen glauben konnten, allein noch mit Kriegen dem Frieden dienen zu können. Im Zeitalter der Massenvernichtungsmittel ist diese "Rechtfertigung" des Krieges als Atomkrieg nicht mehr möglich.
Aber nicht allgemeiner Pazifismus, so sehr er heute begründet sein könnte, führt zum Frieden, sondern ein behutsamer, sorgfältiger Dienst, der vernünftig geordnetes Leben ermöglicht. Zu diesem Dienst am Frieden gehört es, für den Gegner und die Erhaltung seiner Lebensmöglichkeiten mit zu denken, wie es jede verantwortliche Politik getan hat. Solange die öffentliche Meinung sich an diesem Dienst vergeht, liegt Gottes Zorn auf uns. Die Leichtfertigkeit, mit der Herz und Zunge der Menschen sich an Ehre und Leben des Menschen vergehen, zeigt die Entschlossenheit zum Kriege an und muß als Spiel mit dem Krieg gebrandmarkt werden. Es gibt Christen, die sich in der Darstellung ihrer Gegner und in der Hoffnungslosigkeit ihrer Argumentation der Sünde des Krieges verschrieben haben. Jede rechte Predigt bricht den Bann. Ohne eine solche Predigt gilt das grausame Wort- "Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhandnehmen, wird die Liebe in vielen erkalten (Matth. 24, 12). Die Christenheit gehorcht entweder gebannt der Ungerechtigkeit oder sie traut der Liebe Gottes und wagt selber liebzuhaben. Liebe aber ist fruchtbar in guten Werken. Zu diesen gehört die tägliche Bemühung um den Frieden.
© Pfarramt Ahrenshagen, 15.01.2003


