Unser Beitrag zur Entspannung
Prof. Martin Fischer (Kirchliche Hochschule Berlin) 1958:
Zum Problem der atomaren Aufrüstung
Vorbemerkung:
Dieser Aufsatz wurde für eine "unabhängige Tageszeitung" verfaßt, dort aber abgelehnt, da man den Leser mit der weiteren Erörterung der Atomwaffenfrage heute überfordere. Er wurde deshalb der Zeitschrift "Die Stimme der Gemeinde", 1958, Heft 9, übergeben, die ihn dankenswerterweise abdruckte.

as Osterfest hat eine gewisse Atempause in den Kämpfen um die Atomrüstung gebracht. Dabei wird für viele eine tiefe Resignation entscheidend ins Gewicht gefallen sein. Sie scheint ja auch durch alle beteiligten Faktoren begründet. Was Rußland tun wird, meint jeder zu wissen: Wenn es Atomwaffenexperimente unterlassen will, traut man dem nicht. Auch auf weitergehende Anerbieten wird das lang genährte Mißtrauen möglicherweise mit Nein antworten.
Das heißt also, Amerika und Rußland werden keinen Weg aus der gegenseitigen Verstrickung in Angst, Propaganda und Rüstung herausfinden und werden auch durch ihre Bemühungen, die mit ihnen verbundenen Länder zusätzlich zu rüsten, aus dem Teufelszirkel und seiner eindeutigen Logik nicht herausfinden, sondern vielmehr darin bestärkt werden. Die Tendenz geht dahin, die Welt zu teilen und alle Positionen zu beseitigen, die irgendwo nicht in die westliche oder östliche Logik passen. Resignation ist also berechtigt, und unser Volk, das im Sinn dieser Logik mit der Teilung der Welt selbst zerschnitten ist, mitten durch seinen lebendigen Leib hindurch, hat sich durch die beschriebene Logik so sehr bannen lassen, daß es sich diese einfach zu eigen macht und nur die stereotype, pflichtgemäße, aber nichts und niemand bewegende Formel "Wiedervereinigung durch freie Wahlen" murmelt.

eigen sich aber irgendwelche Anzeichen für den Versuch, die sinnlose Logik der bisherigen Verhältnisse aufzulösen und andere Kräfte und Gesichtspunkte ins Spiel zu bringen, so sind sämtliche Feuerwehren des kalten Krieges alsbald zur Stelle, um das etwa ausbrechende Feuer vernünftiger Erwägung und Gewissensbefragung zu ersticken. Hat jemand Gewissensbedenken geäußert gegen die Herstellung, Planung und Anwendung von Atombomben, so kann man das Feuer des Gewissens mit ein paar theologischen und pseudotheologischen Argumenten löschen. (Was hier Theologen an Förderung des Nihilismus zustande bringen, ist einigermaßen märchenhaft - nur schade, daß sie das Feuer des Gerichts Gottes nicht werden löschen können, was sie wohl nicht bedenken.) Hat man von einer militärisch verdünnten Zone gesprochen zwischen den waffenstarrenden Großmächten, so werden etwaige friedensträchtige Weiterungen schnell zertreten, denn die Entspannung ist doch bedenklicher als die Einverleibung in die östlichen und westlichen Militärmächte.
Hat man daran erinnert, daß das deutsche Volk ohne Friedensvertrag lebt und unfähig ist, gemeinsam irgendeine politische Stellung zu beziehen, so wird der gesamtdeutsche Verantwortungsbereich schnell aufgegeben, und man redet, der Einfachheit halber, von Deutschland immer nur als dem Raum, der hineinintegriert ist in einen der "sichernden Machtblöcke". Damit der Verzicht auf die Wiedervereinigung nicht gar zu sinnfällig wird, werden dann Bedingungen zur Wiedervereinigung formuliert, von denen man weiß, daß sie die Wiedervereinigung zur Zeit ausschließen. Resignation auf der ganzen Linie. Die meisten stüzen sich in die Atomrüstung aus Resignation, und was die wenigen anderen damit meinen, verraten sie vorsichtshalber nicht: Es sei noch nicht aktuell.

nd wer das Pech hat, der führenden Partei nicht zustimmen zu können, scheint vollends zur Resignation verurteilt. Es wird ihm nicht helfen, daß nach der Emnid-Umfrage vom Februar 1958 83% der Bevölkerung gegen die Atomrüstung plädierten. Die führende Partei ist in der Lage und willens, darüber hinweg zu gehen. Die Besatzungsmächte in Ost und West werden sich für ihren Bereich darüber ebenso hinwegsetzen. (In der DDR ist Pazifismus längst ein Schimpfwort, und die Argumentation der beiden Teile Deutschlands ist im Refrain in dieser Sache völlig einheitlich.) Das Übergewicht der CDU ist guten Teils zustande gekommen durch die Behauptung, daß die Atomrüstung nicht aktuell sei. Aufrichtiger wird es ja wohl auch bei der nächsten Wahl nicht zugehen, und die Finanzhilfen werden auch bei der nächsten Wahl für die Wahlpropaganda einseitig der allein ausschlaggebenden Partei zur Verfügung stehen. Also Resignation scheint allzu begründet.

as bleibt also nach der Osterpause? Wenn Ostern überhaupt verstanden werden soll, dann räumt es mit unserer Resignation auf. Dies ist fällig bei den Verantwortlichen der- Politik und der sie versklavenden Logik. Dies ist notwendig für unser deutsches Volk in seiner Einheit und seiner im Sinne der bisherigen Politik zementierten Zertrennung. Die Uberwindung der Resignation ist aber nicht weniger notwendig für die heimatlos werdenden, geschmähten Menschen, die sich das eigene Denken noch immer nicht abgewöhnen können und sich die Frage ihres Gewissens nicht nur alle 4 Jahre zur Wahl erlauben können -, auch und gerade dann, wenn sie sehr allein zu stehen scheinen mit ihrem Urteil. Zwar ist der Hinweis auf jene 83% auch Anlaß zu neuer Resignation, denn was läßt sich in Deutschland seit 25 Jahren nicht alles überspielen, ausreden und der Vergeßlichkeit überantworten! Aber eben diese Resignation wird man über sich nicht Herr werden lassen dürfen, wenn man nicht alles verraten will, was Ostern bedeutet

ir werden uns in den nächsten Monaten mit politischen Argumenten zu befassen haben (falls nicht in Ost und West Militär, Propaganda und Fremdhörigkeit allein das Feld behalten) und werden im Gestrüpp des politischen Kalküls, der uns nicht erlassen werden kann, oft genug hängen bleiben. Folgende drei Punkte könnten dabei eine gewisse Orientierung bedeuten:

Gollwitzer und viele andere haben gezeigt, daß wir in der Entscheidung gegen die Atombombe nicht frei sind. Atomwaffen (den totalen Krieg weit überbietend) stellen den Verzicht auf die bisher gültigen sittlichen Bindungen des Völkerrechts dar. Es ist erschütternd, daß Regierungen, die in Nürnberg Kriegsverbrecherprozesse mit dem Pathos des sittlichen Rechts durchgeführt haben, Atombomben bejahen, die in ihrer Anwendung irgendeine verantwortbare Begrenzung der Wirkung ausschließen und damit den Verzicht auf jedes ernstzunehmende Völkerrecht bedeuten. Schon Experimente mit diesen Bomben gefährden unbeteiligte Menschen, ohne daß sich (in der Zeit des herrschenden Nihilismus) Ankläger finden, die diese verbrecherische Praxis wirksam beim Namen zu nennen vermögen. Selbst wenn man der Meinung sein sollte, daß sittliche Positionen im Völkerrecht von der heutigen Welt - also Amerika und Rußland - nicht mehr als entscheidend genommen werden, sollte das sittliche Urteil der Christenheit feststehen. Daß dem nicht so ist, gehört zu den unbegreiflichen Tatsachen der Gegenwart.
Im Augenblick sind Steigerungen der Unmenschlichkeit schwer denkbar -, aber man muß, wenn es solche Steigerungen geben sollte, darauf gefaßt sein, daß auch diese noch ihre ideologische, politische und sogar "theologische" Rechtfertigung finden werden. So zwingend wirkt die Logik der Teile der Welt, die sich gegenseitig bestätigen, stärken und in Form bringen! Was würde die westliche Welt schließlich nicht für erlaubt halten, wenn es die bolschewistische Welt, unter deren Gesetz man steht, für erlaubt hielte! Wer die Gebote Gottes außer Kurs setzen kann (etwa durch Mißbrauch der sogenannten Zwei-Reiche-Lehre), ist hier hilflos der Logik der Unmenschlichkeit verfallen. So bereitet und findet er in seiner Logik den Untergang.

iel ernster und deshalb entscheidend ist die eigentlich sittliche und im Grunde schon theologische Frage, ob wir uns v o r G o t t von seinen Geboten dispensiert halten dürfen. Wer dies nicht kann, weil er Gott fürchtet, wird sich durch keinen politischen Kalkül (-selbst wenn er einmal überzeugend wäre) überwinden lassen. Man siegt sich zu Tode (falls man siegen sollte), wenn man Gott gegen sich hat. Es gibt keinen denkbaren Zweck, der wahllos und so gut wie unbegrenzbar wirkende Massenvernichtungsmittel rechtfertigen könnte. Man kann diese Mittel nicht propagieren und zugleich noch den Namen Gottes im Munde führen.

Der zweite Orientierungspunkt ist folgender: Unser erster Verantwortungsbereich ist der deutsche. Es war weise Selbstbeschränkung, wenn die Göttinger Achtzehn nicht in allgemeinen sittlichen Erörterungen, die auch Amerikaner und Russen hätten überzeugen müssen, gesprochen halben, sondern wenn sie erklärten: Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet." Das deutsche Volk hat mit all seiner Not eine unvergleichlich günstige Ausgangsposition für die Frage seiner politischen und sittlichen Entscheidung. Es ist zur totalen Kapitulation gezwungen worden. Die Besatzungsmächte tragen also die militärische Verantwortung bis zum Friedensschluß. Ohne Friedensschluß wäre völkerrechtlich ohnehin jede militärische Betätigung problematisch. Deutschland ist obendrein geteilt und kann nur im gemeinsamen Nein zur Teilung seine Verantwortung tragen. Es ist also unbegreiflich, wenn gerade dieses Volk von der Chance nicht Gebrauch macht, sich von der Eingliederung in die militärischen Blöcke freizuhalten. Hier gegenüber den Zumutungen derselben Besatzungsmächte, die ursprünglich pazifistische Erziehung an den Deutschen getrieben haben, störrisch und ablehnend zu bleiben, wäre das Naheliegendste der Welt gewesen, wenn es auch viele Opfer gekostet hätte -, die Rüstung wird ebenso Opfer kosten, vielleicht das Leben.

ieser sittliche Beitrag zum Frieden, den Deutschland auch anderen Mächten hätte leisten können, ist aber unter Lockung und Diktat der Besatzungsmächte von uns verspielt worden.
Es ist völlig richtig, daß es in der Logik der NATO liegt, auch die Atombewaffnung von Deutschland zu fordern und in Westdeutschland zu bejahen. Die Logik liegt, wenn der erste Schritt einmal getan war, zweifellos in dieser Linie; politische Bedenken kommen wirklich "zu spät", und sittliche Bedenken sind ohnehin kraftlos, wie hätten sonst in der Bundestagsdebatte des März die Gewissen so fatal fraktionsgebunden reagieren können! Freilich wird die entsprechende Antwort auf der östlichen Seite mit derselben Logik erfolgen und damit das Gleichgewicht der Schrecken wieder hergestellt werden. Welche Qualen diese Entscheidung den Deutschen in der DDR bringt, wenn man sie auf die Bundestagsentscheidung hin in ihrem Raum zu entsprechendem, aktivem militärischem Einsatz nötigen wird, wird kaum ausreichend bedacht und mit durchlitten sein, denn nichts ist in Deutschland so schwer zu haben, wie praktizierte Berücksichtigung der Folgen, die die eigenen Schritte dem anderen Volksteil auflegen.

s sollte aber noch jetzt angesichts der Atomfrage ein Besinnen möglich sein, und die Atommächte sollten es einem gequälten Volk abnehmen, daß es nicht willens ist, unter fremder Ägide diesen (letzten?) Beitrag (vielleicht ist es eine letzte Möglichkeit) abzulehnen, der sich für das Auseinanderrücken der Machtblöcke und den Beginn einer Entspannung denken läßt: die Verweigerung einer deutschen atomaren Aufrüstung. Daß Deutschland auch im wohlverstandenen eigenen Interesse sich der atomaren Aufrüstung entzieht, ist in s e i n e m Verantwortungsbereich der notwendige, geringe und doch vielleicht entscheidende Beitrag zur Befriedung der Welt. Was hier politisch klug sein dürfte, hat aber zuerst eine sittlich zwingende Begründung.

Wenn die Entscheidungen im Sinn der bisher dargelegten Orientierungspunkte gefallen sind und nur dann - wird auch der dritte Schritt zuversichtlich getan werden können. Eine Entspannung und Abrüstung dadurch fördern zu wollen, daß man Deutschland atomar bewaffnet, läßt sich nur durch den Bann der oben beschriebenen "Logik" erklären. Keine der heutigen Atommächte dürfte angesichts ihrer Lebensangst Vertrauen genug haben, s e 1 b s t abzurüsten oder die geplante, ja sogar die vollzogene Abrüstung des anderen für möglich zu halten. Tatsächliche Entscheidungen des kalten Kriegesi und die entsprechende Propaganda haben dafür gesorgt, daß jeder vom Gegner lückenlos zu wisseni glaubt, was er tun kann und was nicht. Dabei ist dieses "kann" ein ideologischer Schlüsselbegriff und ist erstaunlich frei von nüchterner Erwägung der wirklichen Lage, der wirklichen Mittel, Verhältnisse und Notwendigkeiten.
Angesichts dieser Tatsache können nur wirkliche Fakten, entschlossene Entscheidungen der Regierungen außerhalb und innerhalb der NATO und des Warschauer Paktes zu vernünftigen Erwägungen und zu schöpferischer Phantasie führen. Hier liegt die Möglichkeit und Aufgabe, zu einer stufenweisen Lösung des Krampfes und zu einer vorsichtiqen Lockerung der Neurosen zu führen, zu einer Befreiung von der dürren Logik, in der die weißen Völker zu ihrer eigenen Qual die Unsumme ihrer Vermögen in die Rüstung investieren, während die farbigen Völker (und nicht nur sie) darben. Es ist wenig Aussicht, mit dieser Logik zu überleben. Kirchen, die ihr verfallen, verlieren ihr Zeugnis. Völker, die ihr verfallen, verlieren ihr Leben.
© Pfarramt Ahrenshagen, 15.01.2003


