Unser Beitrag zur Entspannung

Prof. Martin Fischer (Kirchliche Hochschule Berlin) 1958:
Zum Problem der atomaren Aufrüstung

Das heißt also, Amerika und Rußland werden keinen Weg aus der gegenseitigen Verstrickung in Angst, Propaganda und Rüstung herausfinden und werden auch durch ihre Bemühungen, die mit ihnen verbundenen Länder zusätzlich zu rüsten, aus dem Teufelszirkel und seiner eindeutigen Logik nicht herausfinden, sondern vielmehr darin bestärkt werden. Die Tendenz geht dahin, die Welt zu teilen und alle Positionen zu beseitigen, die irgendwo nicht in die westliche oder östliche Logik passen. Resignation ist also berechtigt, und unser Volk, das im Sinn dieser Logik mit der Teilung der Welt selbst zerschnitten ist, mitten durch seinen lebendigen Leib hindurch, hat sich durch die beschriebene Logik so sehr bannen lassen, daß es sich diese einfach zu eigen macht und nur die stereotype, pflichtgemäße, aber nichts und niemand bewegende Formel "Wiedervereinigung durch freie Wahlen" murmelt.
Hat man daran erinnert, daß das deutsche Volk ohne Friedensvertrag lebt und unfähig ist, gemeinsam irgendeine politische Stellung zu beziehen, so wird der gesamtdeutsche Verantwortungsbereich schnell aufgegeben, und man redet, der Einfachheit halber, von Deutschland immer nur als dem Raum, der hineinintegriert ist in einen der "sichernden Machtblöcke". Damit der Verzicht auf die Wiedervereinigung nicht gar zu sinnfällig wird, werden dann Bedingungen zur Wiedervereinigung formuliert, von denen man weiß, daß sie die Wiedervereinigung zur Zeit ausschließen. Resignation auf der ganzen Linie. Die meisten stüzen sich in die Atomrüstung aus Resignation, und was die wenigen anderen damit meinen, verraten sie vorsichtshalber nicht: Es sei noch nicht aktuell.
Was bleibt also nach der Osterpause? Wenn Ostern überhaupt verstanden werden soll, dann räumt es mit unserer Resignation auf. Dies ist fällig bei den Verantwortlichen der- Politik und der sie versklavenden Logik. Dies ist notwendig für unser deutsches Volk in seiner Einheit und seiner im Sinne der bisherigen Politik zementierten Zertrennung. Die Uberwindung der Resignation ist aber nicht weniger notwendig für die heimatlos werdenden, geschmähten Menschen, die sich das eigene Denken noch immer nicht abgewöhnen können und sich die Frage ihres Gewissens nicht nur alle 4 Jahre zur Wahl erlauben können -, auch und gerade dann, wenn sie sehr allein zu stehen scheinen mit ihrem Urteil. Zwar ist der Hinweis auf jene 83% auch Anlaß zu neuer Resignation, denn was läßt sich in Deutschland seit 25 Jahren nicht alles überspielen, ausreden und der Vergeßlichkeit überantworten! Aber eben diese Resignation wird man über sich nicht Herr werden lassen dürfen, wenn man nicht alles verraten will, was Ostern bedeutet
Im Augenblick sind Steigerungen der Unmenschlichkeit schwer denkbar -, aber man muß, wenn es solche Steigerungen geben sollte, darauf gefaßt sein, daß auch diese noch ihre ideologische, politische und sogar "theologische" Rechtfertigung finden werden. So zwingend wirkt die Logik der Teile der Welt, die sich gegenseitig bestätigen, stärken und in Form bringen! Was würde die westliche Welt schließlich nicht für erlaubt halten, wenn es die bolschewistische Welt, unter deren Gesetz man steht, für erlaubt hielte! Wer die Gebote Gottes außer Kurs setzen kann (etwa durch Mißbrauch der sogenannten Zwei-Reiche-Lehre), ist hier hilflos der Logik der Unmenschlichkeit verfallen. So bereitet und findet er in seiner Logik den Untergang.
Viel ernster und deshalb entscheidend ist die eigentlich sittliche und im Grunde schon theologische Frage, ob wir uns v o r G o t t von seinen Geboten dispensiert halten dürfen. Wer dies nicht kann, weil er Gott fürchtet, wird sich durch keinen politischen Kalkül (-selbst wenn er einmal überzeugend wäre) überwinden lassen. Man siegt sich zu Tode (falls man siegen sollte), wenn man Gott gegen sich hat. Es gibt keinen denkbaren Zweck, der wahllos und so gut wie unbegrenzbar wirkende Massenvernichtungsmittel rechtfertigen könnte. Man kann diese Mittel nicht propagieren und zugleich noch den Namen Gottes im Munde führen.
Es ist völlig richtig, daß es in der Logik der NATO liegt, auch die Atombewaffnung von Deutschland zu fordern und in Westdeutschland zu bejahen. Die Logik liegt, wenn der erste Schritt einmal getan war, zweifellos in dieser Linie; politische Bedenken kommen wirklich "zu spät", und sittliche Bedenken sind ohnehin kraftlos, wie hätten sonst in der Bundestagsdebatte des März die Gewissen so fatal fraktionsgebunden reagieren können! Freilich wird die entsprechende Antwort auf der östlichen Seite mit derselben Logik erfolgen und damit das Gleichgewicht der Schrecken wieder hergestellt werden. Welche Qualen diese Entscheidung den Deutschen in der DDR bringt, wenn man sie auf die Bundestagsentscheidung hin in ihrem Raum zu entsprechendem, aktivem militärischem Einsatz nötigen wird, wird kaum ausreichend bedacht und mit durchlitten sein, denn nichts ist in Deutschland so schwer zu haben, wie praktizierte Berücksichtigung der Folgen, die die eigenen Schritte dem anderen Volksteil auflegen.
Es sollte aber noch jetzt angesichts der Atomfrage ein Besinnen möglich sein, und die Atommächte sollten es einem gequälten Volk abnehmen, daß es nicht willens ist, unter fremder Ägide diesen (letzten?) Beitrag (vielleicht ist es eine letzte Möglichkeit) abzulehnen, der sich für das Auseinanderrücken der Machtblöcke und den Beginn einer Entspannung denken läßt: die Verweigerung einer deutschen atomaren Aufrüstung. Daß Deutschland auch im wohlverstandenen eigenen Interesse sich der atomaren Aufrüstung entzieht, ist in s e i n e m Verantwortungsbereich der notwendige, geringe und doch vielleicht entscheidende Beitrag zur Befriedung der Welt. Was hier politisch klug sein dürfte, hat aber zuerst eine sittlich zwingende Begründung.
Angesichts dieser Tatsache können nur wirkliche Fakten, entschlossene Entscheidungen der Regierungen außerhalb und innerhalb der NATO und des Warschauer Paktes zu vernünftigen Erwägungen und zu schöpferischer Phantasie führen. Hier liegt die Möglichkeit und Aufgabe, zu einer stufenweisen Lösung des Krampfes und zu einer vorsichtiqen Lockerung der Neurosen zu führen, zu einer Befreiung von der dürren Logik, in der die weißen Völker zu ihrer eigenen Qual die Unsumme ihrer Vermögen in die Rüstung investieren, während die farbigen Völker (und nicht nur sie) darben. Es ist wenig Aussicht, mit dieser Logik zu überleben. Kirchen, die ihr verfallen, verlieren ihr Zeugnis. Völker, die ihr verfallen, verlieren ihr Leben.
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© Pfarramt Ahrenshagen, 15.01.2003

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