Krieg in Wurzen
Martin Luther, am 7.4.1542 an Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz zum Streit um Wurzen
Vorbemerkung:
Wurzen in Sachsen, heute bekannt durch eher harmlose Kekse, wurde 1542 zum Zankapfel zwischen den verschwägerten sächsischen Herrschern Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz, zudem beide evangelische Fürsten. Heute belanglos, weshalb. Durch Bemühung des Landgrafen Philipp von Hessen konnte schon am 10. April 1542 die Sache friedlich beigelegt werden. Luthers Schreiben kam für den damaligen Streit zu spät. Obwohl es damals um eine Lapalie ging (ob oder ob nicht Steuer, nicht mal, wer sie bekommt!), was Luthers Schärfe erklärt, seine Aussagen sind bedeutsam weit über diesen Einzelfall hinaus. Nirgends hat Luther seinen Abscheu gegen Krieg deutlicher formuliert. Und er redet nicht nur über diesen speziellen Fall!
Der Text ist in leicht veränderter Form der Martin-Luther Taschenausgabe (LTA) der EVA Berlin 1982 entnommen. Wir erlauben uns als Lesehilfe eine Hervorhebung ausgewählter Stellen, hoffentlich mehr hilfreich als schön. Was nicht von Luther stammt, ist grün geschrieben.
Übrigens, für fremdenverkehrsfeindliche Bemerkungen über Wurzen haftet allein Luther!

einen untertänigen, bereitwilligen Dienst und mein armes Vaterunser zuvor!
Gnädigster, gnädiger, wohlgeborene, edle, gestrenge, tapfere usw., wie einem jeden der Titel gebührt.

rst heute ist mir sowohl wie anderen das ernste Vorgehen und der unverhoffte Zorn zwischen beiden, Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden, richtig bekannt geworden. Und obwohl es mir als einem Prediger und Inhaber eines geistlichen Amtes nicht gebührt, in dieser Angelegenheit Recht zu sprechen oder etwas zu tun, da es so gänzlich weltliche Sachen sind, worüber viel zu wissen mir auch nicht aufgetragen ist, steht da doch Gottes Wort 1.Tim.2,1f., das uns Predigern und der ganzen Kirche aufträgt, uns um die weltlichen Herrschaften zu kümmern und für sie zu beten um Frieden und ein stilles Leben auf Erden, gegen den Teufel, den Anstifter und Anfänger alles Unfriedens. Nun, ein Teil unserer Sorge ist geschehen und geschieht noch täglich von ganzem Herzen, nämlich das Gebet, was sowohl Bücher wie auch Lieder bezeugen, zumal jetzt, weil der Teufel so schnell und unverhofft diesen Streit entfacht hat.

er andere Teil besteht darin, daß wir auch das Wort und den Befehl Gottes deutlich machen müssen in den verschiedenen Versuchungen, sei es, die Betrübten zu trösten, die Angefochtenen zu ermahnen oder die Starrsinnigen oder dergleichen Leute zu schrecken. Damit ich hierin nun wirklich das Meine tue und mein Gewissen vor Gott von aller Schuld entlaste, bitte ich alleruntertänigst, Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden wollten mich gnädigst anhören. Denn ich will nicht meine Worte, sondern Gottes Wort reden, und vor allem, weil Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden zusammen mit ihren Ländern das Evangelium angenommen und bekannt haben, weil sie Christen sind, und das heißt, weil sie das Wort Christi hören und ihm gehorchen wollen und sollen, und nicht zuletzt, weil ich von beiden Seiten angesehen werde, ein Diener Christi und Prediger des Evangeliums zu sein (was ja die Wahrheit ist) - wer mich hört, der hört Gott! So sagt er es: "Wer euch hört, der hört mich. Wer mich verachtet, der verachtet den, der mich gesendet hat" (Luk.10,16). Davor bewahre euch Gott.
Amen.
r spricht aber: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen", Matth. 5,9. Ohne Zweifel würde es umgekehrt so heißen: Verdammt sind diejenigen, die den Frieden hassen, denn sie müssen Teufelskinder heißen. Dieser Spruch wird, weil er ein Spruch Gottes, des Allmächtigen ist, keinen Unterschied zwischen den Personen machen, wie hochgestellt immer sie sein mögen, sondern alle betreffen und ihnen gebieten, Frieden zu halten bei Verlust ihrer ewigen Seligkeit oder, was dasselbe ist, der Kindschaft Gottes.
eshalb ist dieses das erste Gebot, dem Eure Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden Gehorsam schulden: Vor allen Dingen auf Frieden aus zu sein, zum Frieden zu raten und zu helfen, und sollte es Leben und Vermögen gelten, um von einem so lächerlichen und geringfügigen Schaden zu schweigen, der jetzt in diesem Falle entstehen kann. Denn ohne Verletzung des Gewissens, ja ohne Gefahr der ewigen Verdammnis werden Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden in diesem gefährlichen Zorn und Unfrieden, gegen dieses göttliche Gebot, nicht fortfahren können.

icher kann man sagen, niemand kann länger Frieden halten, als es sein Nachbar zuläßt. Das ist wahr. Gott aber sagt dazu folgendes, Röm. 12,18: "Soviel an euch ist, haltet Frieden mit allen Menschen." Demnach müssen Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden zusammen mit Euren Landständen (
heute mit Parlamenten und Regierungen) auch hierin Gott Gehorsam schuldig sein bei ewiger Verdammnis und einer dem anderen Frieden und einen rechtlichen Vergleich anbieten. Wenn später dann das Recht gesprochen und das Urteil ergangen ist, mag sich wehren, wer kann. Denn auch die Gesetze bestimmen: "Niemand darf sein eigener Richter sein, wieviel weniger sein eigener Vollstrecker" und ferner: "Wer zurückschlägt, ist im Unrecht, ausgenommen allein die dringendste Notwehr." So hat Gott wahrlich auch die Rache streng verboten, Röm. 12,19: "Die Rache ist mein, ich will vergelten." Wer also Gott das Gericht und die Rache nehmen will, den wird sein Urteil treffen, Röm. 13,2.

enn mir jemand meinen Vater oder Bruder erschlüge, wäre ich dennoch nicht Richter oder Scharfrichter über den Mörder:
Wozu bedarf man des Rechtes und der Obrigkeit, ja, wozu bedarf man Gottes, wenn jeder selber Richter sein will und Vollstrecker, ja, Gott selber gegen und über seinesgleichen oder den Nächsten? Und zumal in weltlichen Sachen! Denn in geistlichen Dingen ist es anders. Da ist ein Christ sehr wohl Richter über die Welt und über alle Teufel, als Werkzeug oder Zunge des Wortes Gottes. Denn sein Wort ist Gottes Wort (vgl. Luk.10,16). Und Gott hat nicht seinesgleichen und keinen Nächsten, sondern ist Richter, Vollstrecker und Herr über alle.

un ist in diesem plötzlichen Streit bisher weder eine richterliche Untersuchung noch eine Verhandlung erfolgt, viel weniger ein endgültiges Urteil gesprochen worden, woraufhin man mit gutem Gewissen strafen könnte. Und es gibt ja doch dieses besondere Kleinod, das Fürstliche Hofgericht (
lies Internationaler Gerichtshof), dazu so viele besonders löbliche Grafen, Herren, Ritter und gelehrte Juristen, die die Angelegenheit zuvor anhören und bedenken könnten, zuletzt auch die erbvereinigten Fürsten (
lies Vereinte Nationen, UNO) und vielleicht noch mehr, als ich weiß. Bei ihnen könnte man zuvor Recht oder Unrecht beider Seiten erforschen und erheben, damit man nichts gegen Gott und die eigene Seligkeit tue und also, ohne einen Rechtsspruch gesucht, gehört und zur Kenntnis genommen zu haben,
Land und Leute, Leib und Seele derart dem Teufel zu Ehren und Gott zur Schande opfern müßte.

as Städtchen Wurzen ist doch die Unkosten nicht wert, die bereits entstanden sind, geschweige denn solchen großen Zorn so erhabener, mächtiger Fürsten und blühender Länder. Auf vernünftige Leute macht das keinen anderen Eindruck, als wenn sich zwei betrunkene Bauern im Wirtshaus prügeln um ein zerbrochenes Glas oder zwei Narren um ein Stück Brot, nur daß der Teufel und seine Glieder zu gerne aus einem solchen Funken ein großes Feuer entfachen und den Feinden eine Freude, den Türken ein Gelächter und dem Evangelium eine besondere Schande bereiten wollen, damit er durch seine Lästermäuler rühmen kann: "
Siehe da, das sind die evangelischen Fürsten und Länder, die aller Welt den Weg zum Himmel weisen wollen und allen Menschen die Wahrheit lehren! Solche Narren und Kinder sind sie geworden, daß sie selber noch nicht wissen, wie man nur geringfügige weltliche Angelegenheiten auf dem Rechtswege und mit Vernunft anfaßt. Pfui über die Evangelischen!" Ja freilich, solches werden wir hören müssen vom Teufel und von aller Welt. Und Gott wird das sehr wenig gefallen, daß sein Name um unsertwillen so entheiligt werden soll, Röm. 2,24.

o ist dieser Krieg (wie beide Seiten wohl wissen, wenn sie darüber nachdenken) auch kein Krieg, sondern ein richtiger Aufruhr, jawohl, ein Aufruhr im eigenen Hause, in dem sich der Vater gegen den Sohn und der Bruder gegen den Vater stellt. Denn die beiden Fürstentümer sind so nahe miteinander verwandt, daß sie mit Recht ein Haus, ein Geblüt genannt werden können, von oben bis unten. Beide Fürsten lagen unter zweier Schwestern Herzen, sodann ist der Adel (
heute der sogenannte Geldadel!) untereinander verwandt, verschwistert, verschwägert, befreundet, ja so sehr verbrüdert, verwandt, wie Vater und Sohn zueinander stehend, daß man wohl von einem Hause sprechen kann und von einem Blute. Auch die Bürger und Bauern haben einander Töchter und Söhne gegeben und genommen, daß man sich nicht näherkommen könnte. Und dieses Geblüt, das sich so nahesteht, ja so eins ist, sollte durch den Teufel derart gegeneinander gekehrt und gewendet werden um einer Laus oder Nisse willen? Denn was kann Wurzen mit seiner ganzen bischöflichen Herrlichkeit anderes darstellen gegenüber solchem teuren, edlen, sich nahestehenden und reichen Blut als eine nichtswürdige Laus? (
Wurzen hat heute weder bischöfliche Herrlichkeit noch ist es eine nichtswürdige Laus!) Da sollte doch Gott plötzlich mit Blitz und Donner dazwischenschlagen, besonders weil wir Christen solch unsinnige Teufel sein wollen. Da wären ja Türken und Tartaren noch besser zu dulden im Lande!

ch denke an ein Wort des seligen Herzogs Friedrich während der Fehde mit Erfurt. Einige Krieger wollten Erfurt stürmen, wenn er nur fünf Männer dran wagen wollte. Er aber sprach: "Ein Mann wäre schon zuviel!" Und Erfurt war doch ein ganz anderer Braten in der Küche als Wurzen! Das war ein Fürst!
emnach ist es meine untertänige Bitte, Euer Kurfürstliche und Fürstliche
Gnaden wollten Gott ehren, auf ihre Seligkeit bedacht sein, auf dieses herrliche, löbliche Fürstentum (lies Land) nicht ewige Schande und böse Nachrede laden, auch an die armen Untertanen denken, vor sich gegen den Teufel ein Kreuz schlagen und doch meiner armseligen Bitte gnädig so weit nachkommen, allein in eine Kammer gehen, niederknien, die Augen zum Himmel erheben und mit Ernst ein Vaterunser beten. Dann wird, wenn Gott will, der Heilige Geist die Herzen Euer Kurfürstlichen und Fürstlichen
Gnaden wenden.
nd was an frommen Herzen in den beiden Ländern ist, möge dasselbe tun. Die anderen tollen Hunde aber mögen inzwischen fluchen und sich quälen mit ihrem Gott, dem Teufel, dem Gott um unseres Vaterunsers willen wohl Einhalt gebieten kann.
ollte aber, was Gott verhüten möge (und um das abzuwenden wolltest du, mein lieber Herr Jesus Christus, mich mit allen, die mit mir beten, gnädig erhören), ein Teilfürst oder ein Land den Frieden und das Recht verweigern und mit dem Kopf gegen Gott rennen und dem rachgierigen, wütenden Zorn nacheifern, niemanden hören oder sehen - wohlan, in dem Falle (den Gott gnädig abwende) stelle ich mich auf die Seite - es sei mein gnädiger Herr, der Kurfürst und sein Land oder mein gnädiger Herr Herzog Moritz und sein Land, denn hier gilt kein Heucheln, ich rede vor Gott nach meinem Gewissen -, ich stelle mich, sage ich, in dem Falle auf die Seite dessen, der Recht und Frieden anbietet und ertragen kann und will.
Denn wenngleich die andere Seite das größere Recht hätte und berechtigten Zorn, so verdammte sie sich doch selber damit, daß sie Gott in seine Befugnisse eingreift, selber Richter und Vollstrecker sein will und damit die Gegenseite zur Notwehr zwingt, insofern also diese mit der Tat ins Recht setzt und unschuldig macht, sich selber aber aus dem Recht ins Unrecht stürzt, wie ich es oben schon gesagt habe. Denn so heißt es: "Was gerecht ist, wirst du gerecht ausführen" (5. Mose 16,20), und: "Mein ist die Rache" (Röm. 12,19)
anach soll sich die Seite, die das Recht und den Frieden sucht, getrost und fröhlich wehren und sich auf mich berufen, daß ich an Gottes Statt es ihr geheißen hätte, geraten und dazu gemahnt. Denn ich will solches Blut und die Verdammnis der anderen Seite auf mich nehmen und muß das wohl auch tun.

nd wenn es dahin käme, was Gott verhüten möge, daß man ins Feld zieht oder anderweitig zum Angriff antritt, so neigt eure Häupter hierher zu uns nach Wittenberg und laßt uns euch die Hände auflegen zur Vergebung eurer Sünde, was ich euch hiermit verheiße als denen, die sich aus Not wehren müssen und sich lieber einem Richterspruch gebeugt hätten, damit ihr in dem Falle auch vor Gott gerecht seid. Und glaubt unserer Lossprechung. Danach seid getrost und ohne Furcht. Laßt die Gewehre und Spieße gegen die Kinder des Unfriedens, des Zornes und der Rache losgehen. Gottes Wille geschehe. Wer stirbt, der sterbe selig als im Gehorsam und in Notwehr, zum Schutz seines Fürsten und des Landes. Wir brauchen uns vor einem lebendigen Teufel nicht zu Tode zu fürchten, um wieviel weniger vor sterblichen, armen Menschen.

em anderen, kriegslüsternen, rachgierigen Haufen verkündige ich hiermit - damit sie es wissen und sich am Jüngsten Tage nicht entschuldigen können -, daß sie sich selbst mit dem Bann belegt und unter Gottes Fluch gestellt haben und, wenn sie im Kriege umkommen, ewig mit Leib und Seele verdammt sein müssen. Denn sie kämpfen nicht allein ohne Glauben, sondem bringen auch im Hinblick auf das weltliche Gesetz ein schlechtes Gewissen mit in die Schlacht.

nd ich gebe dazu den gewissenhaften Rat:
Wer als Soldat unter einem solchen kriegslüsternen Fürsten steht, der laufe aus dem Felde, was er laufen kann. Der errette seine Seele und lasse seinen rachgierigen, unbelehrbaren Fürsten allein kämpfen mit denen, die mit ihm zum Teufel fahren wollen. Denn niemand ist gezwungen, Fürsten und Herren gehorsam zu sein oder seinen Eid zu halten zu seiner Seele Verdammnis.Im Gegenteil, es ist ihm verboten, denn es ist gegen Gott und gegen das Gesetz. Es heißt: "Wir können nur das, was wir durch das Gesetz können." Ich bitte und hoffe, daß Gott dem rachgierigen Haufen ein verzagtes Herz geben wird, zitternde Hände, bebende Knie, wie Mose sagt (5. Mose 28,25), damit sie auf sieben Wegen fliehen, nachdem sie auf einem Wege ausgezogen sind. Amen.
er barmherzige Gott sende seinen Frieden bringenden Engel, der zwischen den Fürsten und den Ländern wirkliche Einigkeit erwecke, so wie wir uns eines Glaubens und eines Evangeliums Gottes rühmen.
(
Luther würde heute, im Zeitalter der Ökumene bzw. Globalisierung und ohne ernsthaftes theologisches Bauchweh sicher großzügiger formulieren und an den einen Gott Israels, der Mohammedaner und der Christen erinnern.)
© Pfarramt Ahrenshagen, 03.03.2003


