Krieg in Wurzen

Martin Luther, am 7.4.1542 an Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz zum Streit um Wurzen

Meinen untertänigen, bereitwilligen Dienst und mein armes Vaterunser zuvor!
Gnädigster, gnädiger, wohlgeborene, edle, gestrenge, tapfere usw., wie einem jeden der Titel gebührt.
Erst heute ist mir sowohl wie anderen das ernste Vorgehen und der unverhoffte Zorn zwischen beiden, Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden, richtig bekannt geworden. Und obwohl es mir als einem Prediger und Inhaber eines geistlichen Amtes nicht gebührt, in dieser Angelegenheit Recht zu sprechen oder etwas zu tun, da es so gänzlich weltliche Sachen sind, worüber viel zu wissen mir auch nicht aufgetragen ist, steht da doch Gottes Wort 1.Tim.2,1f., das uns Predigern und der ganzen Kirche aufträgt, uns um die weltlichen Herrschaften zu kümmern und für sie zu beten um Frieden und ein stilles Leben auf Erden, gegen den Teufel, den Anstifter und Anfänger alles Unfriedens. Nun, ein Teil unserer Sorge ist geschehen und geschieht noch täglich von ganzem Herzen, nämlich das Gebet, was sowohl Bücher wie auch Lieder bezeugen, zumal jetzt, weil der Teufel so schnell und unverhofft diesen Streit entfacht hat.
Deshalb ist dieses das erste Gebot, dem Eure Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden Gehorsam schulden: Vor allen Dingen auf Frieden aus zu sein, zum Frieden zu raten und zu helfen, und sollte es Leben und Vermögen gelten, um von einem so lächerlichen und geringfügigen Schaden zu schweigen, der jetzt in diesem Falle entstehen kann. Denn ohne Verletzung des Gewissens, ja ohne Gefahr der ewigen Verdammnis werden Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden in diesem gefährlichen Zorn und Unfrieden, gegen dieses göttliche Gebot, nicht fortfahren können.
Sicher kann man sagen, niemand kann länger Frieden halten, als es sein Nachbar zuläßt. Das ist wahr. Gott aber sagt dazu folgendes, Röm. 12,18: "Soviel an euch ist, haltet Frieden mit allen Menschen." Demnach müssen Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden zusammen mit Euren Landständen (heute mit Parlamenten und Regierungen) auch hierin Gott Gehorsam schuldig sein bei ewiger Verdammnis und einer dem anderen Frieden und einen rechtlichen Vergleich anbieten. Wenn später dann das Recht gesprochen und das Urteil ergangen ist, mag sich wehren, wer kann. Denn auch die Gesetze bestimmen: "Niemand darf sein eigener Richter sein, wieviel weniger sein eigener Vollstrecker" und ferner: "Wer zurückschlägt, ist im Unrecht, ausgenommen allein die dringendste Notwehr." So hat Gott wahrlich auch die Rache streng verboten, Röm. 12,19: "Die Rache ist mein, ich will vergelten." Wer also Gott das Gericht und die Rache nehmen will, den wird sein Urteil treffen, Röm. 13,2.
Land und Leute, Leib und Seele derart dem Teufel zu Ehren und Gott zur Schande opfern müßte.
Das Städtchen Wurzen ist doch die Unkosten nicht wert, die bereits entstanden sind, geschweige denn solchen großen Zorn so erhabener, mächtiger Fürsten und blühender Länder. Auf vernünftige Leute macht das keinen anderen Eindruck, als wenn sich zwei betrunkene Bauern im Wirtshaus prügeln um ein zerbrochenes Glas oder zwei Narren um ein Stück Brot, nur daß der Teufel und seine Glieder zu gerne aus einem solchen Funken ein großes Feuer entfachen und den Feinden eine Freude, den Türken ein Gelächter und dem Evangelium eine besondere Schande bereiten wollen, damit er durch seine Lästermäuler rühmen kann: "Siehe da, das sind die evangelischen Fürsten und Länder, die aller Welt den Weg zum Himmel weisen wollen und allen Menschen die Wahrheit lehren! Solche Narren und Kinder sind sie geworden, daß sie selber noch nicht wissen, wie man nur geringfügige weltliche Angelegenheiten auf dem Rechtswege und mit Vernunft anfaßt. Pfui über die Evangelischen!" Ja freilich, solches werden wir hören müssen vom Teufel und von aller Welt. Und Gott wird das sehr wenig gefallen, daß sein Name um unsertwillen so entheiligt werden soll, Röm. 2,24.
Ich denke an ein Wort des seligen Herzogs Friedrich während der Fehde mit Erfurt. Einige Krieger wollten Erfurt stürmen, wenn er nur fünf Männer dran wagen wollte. Er aber sprach: "Ein Mann wäre schon zuviel!" Und Erfurt war doch ein ganz anderer Braten in der Küche als Wurzen! Das war ein Fürst!
Demnach ist es meine untertänige Bitte, Euer Kurfürstliche und Fürstliche Gnaden wollten Gott ehren, auf ihre Seligkeit bedacht sein, auf dieses herrliche, löbliche Fürstentum (lies Land) nicht ewige Schande und böse Nachrede laden, auch an die armen Untertanen denken, vor sich gegen den Teufel ein Kreuz schlagen und doch meiner armseligen Bitte gnädig so weit nachkommen, allein in eine Kammer gehen, niederknien, die Augen zum Himmel erheben und mit Ernst ein Vaterunser beten. Dann wird, wenn Gott will, der Heilige Geist die Herzen Euer Kurfürstlichen und Fürstlichen Gnaden wenden.
Und was an frommen Herzen in den beiden Ländern ist, möge dasselbe tun. Die anderen tollen Hunde aber mögen inzwischen fluchen und sich quälen mit ihrem Gott, dem Teufel, dem Gott um unseres Vaterunsers willen wohl Einhalt gebieten kann.
Danach soll sich die Seite, die das Recht und den Frieden sucht, getrost und fröhlich wehren und sich auf mich berufen, daß ich an Gottes Statt es ihr geheißen hätte, geraten und dazu gemahnt. Denn ich will solches Blut und die Verdammnis der anderen Seite auf mich nehmen und muß das wohl auch tun.
Und wenn es dahin käme, was Gott verhüten möge, daß man ins Feld zieht oder anderweitig zum Angriff antritt, so neigt eure Häupter hierher zu uns nach Wittenberg und laßt uns euch die Hände auflegen zur Vergebung eurer Sünde, was ich euch hiermit verheiße als denen, die sich aus Not wehren müssen und sich lieber einem Richterspruch gebeugt hätten, damit ihr in dem Falle auch vor Gott gerecht seid. Und glaubt unserer Lossprechung. Danach seid getrost und ohne Furcht. Laßt die Gewehre und Spieße gegen die Kinder des Unfriedens, des Zornes und der Rache losgehen. Gottes Wille geschehe. Wer stirbt, der sterbe selig als im Gehorsam und in Notwehr, zum Schutz seines Fürsten und des Landes. Wir brauchen uns vor einem lebendigen Teufel nicht zu Tode zu fürchten, um wieviel weniger vor sterblichen, armen Menschen.
Im Gegenteil, es ist ihm verboten, denn es ist gegen Gott und gegen das Gesetz. Es heißt: "Wir können nur das, was wir durch das Gesetz können." Ich bitte und hoffe, daß Gott dem rachgierigen Haufen ein verzagtes Herz geben wird, zitternde Hände, bebende Knie, wie Mose sagt (5. Mose 28,25), damit sie auf sieben Wegen fliehen, nachdem sie auf einem Wege ausgezogen sind. Amen.
Der barmherzige Gott sende seinen Frieden bringenden Engel, der zwischen den Fürsten und den Ländern wirkliche Einigkeit erwecke, so wie wir uns eines Glaubens und eines Evangeliums Gottes rühmen.
(Luther würde heute, im Zeitalter der Ökumene bzw. Globalisierung und ohne ernsthaftes theologisches Bauchweh sicher großzügiger formulieren und an den einen Gott Israels, der Mohammedaner und der Christen erinnern.)
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© Pfarramt Ahrenshagen, 03.03.2003

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