| Ein Artikel der Ostseezeitung, Stammteil, vom 20.12.2002 Wir setzen das freundliche Einverständnis der Ostseezeitung sowie des Autors mit dieser Übernahme ihres Artikels voraus. | |||
| Bild rechts: Pastor Klaus Christian Hirte hängt Strohsterne an den Weihnachtsbaum in der Kirche Ahrenshagen. Foto: M. S. | ![]() | ||
Weihnachten sind Pastoren im Stress | |||
| Gottesdienste im Akkord. Heiligabend bedeutet für viele Pfarrer Stress statt Besinnlichkeit. Oft betreut ein Pastor mehrere Kirchen. Von MATTHIAS SCHÜMANN Ahrenshagen (OZ) Heiligabend ist Pastor Klaus Christian Hirte unterwegs. Vom Gottesdienst in Ahrenshagen geht es zum Krippenspiel nach Schlemmin. Von dort wieder zurück nach Ahrenshagen zur Christvesper mit dem Chor, in dem Hirte singt und der Bläsergruppe, in der er Trompete spielt. Anschließend geht es weiter nach Ribnitz-Damgarten, wo das Bläserensemble noch einmal auftritt. Und die Bescherung? "Irgendwann zwischendurch", sagt Hirte. Stille Nacht, eilige Nacht. | Hirte arbeitet seit drei Jahren als Pastor in Ahrenshagen (Landkreis Vorpommern). Er betreut drei Gemeinden mit insgesamt zwölf Dörfern. "Die Gemeinden sollen zusammenwachsen", sagt Hirte. Das sagt sich leicht, denn das Arbeitspensum gerade zu Weihnachten ist immens. Schließlich gilt es, vier Kirchen zu bewirtschaften. Nicht in jeder wird man Pastor Hirte am 24. Dezember sehen. In Tribohm predigt eine Vertretung, ein Pastor im Ruhestand. In Pantlitz findet Weihnachten schon am vierten Advent statt. Pastor Wolfgang Litzendorf ist nicht besser dran. Fünf Christvespern stehen Heiligabend an. Der Superintendent nimmt ihm zwei Veranstaltungen ab. Genutzt wird für den feierlichsten aller Abende nur ein Bruchteil der Kirchen, für die Litzendorf zuständig ist. Er bewirtschaftete 19. "Ich bin froh, wenn ich eine wegen Bauarbeiten nicht nutzen kann", sagt er. Familie und Gesundheit dürfen nicht unter der Arbeit leiden, sagt er. Litzendorf versucht sich Freiräume zu schaffen. Wenigstens einen freien Tag die Woche. Und Neujahr winkt ein Urlaub auf den Kanaren. Das mobilisiert Energien für die stressige Weihnachtszeit. | Die Zeiten, in denen sich ein Pastor um eine Dorfkirche kümmern konnte, sind passé In M-V rechnet sich eine Pfarrstelle erst, wenn 700 bis 1000 Gemeindeglieder zu betreuen sind, erklärt Andreas Flade von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Doch die Zahl der Christen nimmt ab. Alte sterben, junge ziehen weg. Zum Beispiel bei Pfarrer Joachim Huse in Retzin bei Pasewalk. 1997 zählte seine Gemeinde noch 1000 Mitglieder. Heute sind es 770. Mit sinkender Zahl der Gemeindeglieder wächst der Aktionsradius der einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrer. Selbst Litzendorf hat in seinem großen Gebiet gerade mal 1300 Menschen zu betreuen. Torsten Arnling von der Pommerschen Evangelischen Kirche verhehlt allerdings nicht, dass das Betreuungsverhältnis in M-V noch günstig ist. In den alten Bundesländern kommen auf jede Pfarrstelle bis zu 4000 Gemeindeglieder. Spezifisches Problem der östlichen Landesteile sei aber die große Zahl von Kirchen. Erbe der vergangenen Jahrhunderte. "Jedes Nest bekam damals eine eigene Kirche", sagt Amling. Die Pfarrer haben die Last ihrer Altvordern zu tragen. Darunter leidet die Gemeindearbeit. Zusehends | müssen sich Pfarrer eingestehen, dass sie ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden können. "Ich sage den Leuten, sie sollen sich zu Weihnachten zur Besinnung mal eine Kerze anzünden, und ich selbst fahre den ganzen Tag mit dem Auto herum. Das ist doch unehrlich", sagt Klau Christian Hirte. Die Gemeinde soll den Gläubigen eine Zuhause sein. Doch wenn Unruhe herrscht, wird es doch in der schönsten Wohnstube nicht gemütlich. Hinzu kommt ein immenser bürokratischer Aufwand, etwa bei der Bewirtschaftung der Friedhöfe, sowie dringender Renovierungsarbeiten an den zum Teil baufälligen Kirchen. Pfarrer Huses Hauptkirche in Retzin zum Beispiel ist derzeit gesperrt. Einsturzgefahr. Die Gottesdienste geraten da schnell zur Akkordarbeit. "Man muss schon aufpassen, dass keine Routine aufkommt", sagt Huse. Aus diesem Grunde halte er seine Predigten frei. Gelegenheit dafür hat er genug. Zehn Kirchen warten Heiligabend auf seinen Besuch, etliche werden geschlossen bleiben. Immerhin bietet Huse acht Veranstaltungen an. Jedoch nicht allein. Vier Christvespern erledigt Huse, zwei nimmt ihm der Superintendent ab, zwei seine Tochter, die Theologie studiert. |
© Pfarramt Ahrenshagen, 21.12.2002 | |||