Bischofswort zu den Wahlen

Die Bischöfe der Katholischen und der Evangelischen Kirche haben sich gemeinsam mit einem Schreiben an die Gemeinden gewandt. Sie schreiben unter anderem:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Schwestern und Brüder!

Wir sind aufgerufen, am 22. September den Deutschen Bundestag und den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns neu zu wählen.
Auch zwölf Jahre nach der deutschen Einigung zeigt sich, dass Zukunftschancen in unserem Bundesland immer noch ungewiss sind. Zugleich spüren wir, dass Deutschland insgesamt vor einschneidenden Veränderungen steht:

- Wir erleben einen dramatischen Rückgang der jüngeren Bevölkerung, weil immer mehr junge Menschen unser Bundesland verlassen und weil
wie in ganz Deutschland - zu wenig Kinder geboren werden. Viele Menschen trauen sich nicht, eine Familie zu gründen.

- Unsere Sozialsysteme sind an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit; sie können nicht mehr alle bisherigen Ansprüche erfüllen.

- Bildung und Erziehung junger Menschen gestalten sich schwieriger. Bildungschancen werden stärker von sozialer und auch regionaler Herkunft bestimmt; wir fallen im internationalen Vergleich zurück.

- Vor allem leiden weite Teile Deutschlands, besonders Mecklenburg-Vorpommern, unter einem gravierenden Mangel an Arbeitsplätzen und damit einhergehend dem Fehlen einer Perspektive für junge Menschen.

Viele Menschen halten diese Probleme für kaum lösbar. Ihr Vertrauen in die Politik ist nicht groß; sie sind versucht, sich überhaupt nicht an den Wahlen zu beteiligen. Für die Demokratie ist dies gefährlich. Sie lebt davon, dass sich möglichst viele in die politische Willensbildung einbringen. Wer 40 Jahre DDR noch nicht vergessen hat, weiß, wie wichtig demokratische Wahlen hierbei sind.

Die Lösung der vor uns liegenden Aufgaben ist ohne Menschen, die bereit sind politische Verantwortung zu übernehmen, nicht denkbar.

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Mit unserem Dank wollen wir sie darin bestärken, trotz etlicher Rückschläge und Enttäuschungen weiter ihren Dienst am Gemeinwohl zu versehen. Bei der Entscheidung, für welche Kandidaten und welche Parteien die Stimme abgegeben wird, könnten folgende Fragen mitbedacht werden:

- Wie offen sprechen die Kandidatinnen und Kandidaten über die anstehenden Aufgaben und welche Problemlösungen bieten sie an?

- Werden nur Versprechungen gemacht ohne die zu erwartenden Folgen und die entstehenden Kosten zu benennen?

- Wie ehrlich und wie offen sprechen die bisher in der Verantwortung Stehenden über ihre Arbeit?

- Welche Forderungen werden an die wirtschaftlich Stärkeren gestellt und wie wird das Wahrnehmen der Verantwortung für die Gesamtgesellschaft gestärkt?

- Welche Bedeutung haben christliche Werte für das politische Handeln, z. B. der Schutz der Familie und des Sonntages?

- Welcher Wert wird dem Religionsunterricht als wesentliche Möglichkeit der Wertevermittlung beigemessen?

- Welche Rahmenbedingungen sind für das Entstehen neuer Arbeitsplätze nötig? Wie können die Folgen langjähriger Arbeitslosigkeit aufgefangen werden?

- Welche sozialen Leistungen müssen verbessert werden, welche können eingeschränkt werden oder ganz wegfallen? Nehmen Sie deshalb die Gelegenheiten wahr, sich über Programme und Kandidaten, über Wesen und Ernsthaftigkeit der Parteien zu informieren. Lassen Sie sich nicht durch unrealistische Versprechungen irreleiten. Wir bitten Sie: nehmen Sie Ihre Verantwortung zur demokratischen Mitgestaltung wahr und beteiligen Sie sich an der Bundes- und Landtagswahl.

Mit Segenswünschen

gez. Landesbischof Hermann Beste (Schwerin)
gez. Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald)
gez. Georg Kardinal Sterzinsky (Berlin)
gez. Weihbischof Norbert Werbs (Schwerin)
© Pfarramt Ahrenshagen, 06.09.2002